Grundelemente einer staatlichen Konstitution: Preisstabilität und solide Staatsfinanzen

Neben der Wahrung der Menschenrechte wie sie im deutschen Grundgesetz kodifiziert worden sind, spielen bei der Wirtschaftsverfassung eines Gemeinwesens zwei Kernelemente eine entscheidende Rolle. Preisstabilität schützt die Bürger vor einer Enteignung durch massive Geldentwertung, die zugleich zu einer massiven Störung des Wirtschaftsgeschehens führt. Solide Staatsfinanzen schützen die Bürger vor den Risiken eines Staatsbankrotts, der leicht zu einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung führt. Sie sind daher beide grundlegend für die Lebensfähigkeit eines Gemeinwesens. Der derzeitige Streit in der Eurozone und weit darüber hinaus ist, dass diese Grundlagen einer Konstitution durch wirtschaftspolitisches Handeln in der Vergangenheit und auch noch in der Gegenwart in Frage gestellt werden.

Legitimationskrise von Staaten

In einer Gesellschaft, in der der Staat diese zwei Grundelemente einer Konstitution nicht mehr gewährleisten kann, kommt es sehr rasch zu einer sozialen Krise und massiven politischen Auseinandersetzungen. Die durch den Zusammenbruch der Wirtschaftsordnung ausgelösten Verteilungskämpfe reichen dann sehr rasch über den rein ökonomischen Bereich der Kaufkraftsicherung und Eindämmung der Staatsverschuldung hinaus.

Ungezügelte Inflation führt zu Verteilungskämpfen wie sie insbesondere durch die Preis-Lohn-Spirale charakteristisch sind. Statt zu mehr Preisstabilität und damit einen wertstabilen Orientierungsrahmen für alle Bürger greifen Willkür und hemmungslose Eigensucht zur Durchsetzung der Preissteigerungsspielräume um sich. Da die Marktmacht in der Regel nicht bei den sozial schwächeren liegt, sind sie auch am schnellsten die Opfer einer sich ausbreitenden allgemeinen Inflation. Während Sachvermögensbesitzer ihr Sachvermögen meist ohne große Verluste durch eine Phase akzelerierender Inflation bringen können, werden die, die mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben, direkt in ihrem Konsum beschränkt. Die sozialen Unruhen die sich derzeit in China ausbreiten, wo die Inflation insbesondere bei Lebensmittelpreisen und Energiekosten sich bereits auf zweistellige Zuwachsraten beschleunigt hat, zeigt, dass dies keine kapitalistische Besonderheit ist. Massive Inflation ist daher kein Kavaliersdelikt, zu dem es manch Ökonom gerne machen möchte. Es ist ein Weg der massiven Umverteilung von unten nach oben.

Staatsfinanzen, die nicht durch entsprechende Einnahmen von Steuern und Abgaben nachhaltig gedeckt werden, führen am Ende immer in die Schuldenfalle. Diese schnappt zu, wenn der Staat sich nicht mehr bei seinen Bürger oder im Ausland zu vertretbaren Finanzierungskosten sprich Zinsen refinanzieren kann. Das Dogma er könne ja durch Zwangsabgaben wie höhere Steuern und Abgaben oder eben durch die infame Inflationssteuer – Gelddrucken ohne Wertdeckung – sich immer zwangsweise refinanzieren erweist sich als fatal. Beides ist in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen kaum durchsetzbar. Es führt somit zwangsläufig zu einem autokratischen Staat, der die Bürger gegen ihren Willen dazu zwingen muss. Die Wahrung einer langfristigen Balance zwischen Einnahmen und Ausgaben des Staates ist daher auch eine Grundlage für die Gewährleistung der demokratischen Staatsverfassung.

Krise der Staatsfinanzen

Krisen von Staatsfinanzen sind eigentlich nur dann zulässig, wenn es durch außerordentliche Ereignisse wie Kriege oder gewaltige Naturkatastrophen einen Handlungsbedarf und entsprechender Finanzmittel bedarf, um diese Krise zu meistern. Das besondere an der derzeitigen Krise besteht jedoch darin, dass es diesen übergeordneten Notstand nicht gegeben hat oder gibt. Die Finanzkrise ist nicht ein solches Ereignis. Der Staat und die Staatsfinanzen sind teilweise nur deshalb in die Staatsfinanzkrise geraten, weil man sich leichtfertig auf einen Bailout des Finanzsektors eingelassen hat. Mit dem Bailout ist aus der Finanzkrise jedoch eine Staatsfinanzkrise geworden. Man hat den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Schlimmer noch hat man sich mit der Beseitigung der Ursachen der Finanzkrise zu viel Zeit gelassen. Durch massives Lobbying von Vertretern der Finanzindustrie insbesondere aus dem Bereich der großen weltweit operierenden Investmentbanken hat man die Rückführung der hochspekulativen und ungedeckten Finanzgeschäfte weiterhin ermöglicht. Nach der Blase ist daher jetzt wieder vor der Blase.

Da Bailouts wie zuletzt im Jahr nach der Lehmann-Pleite nun nicht erneut mehr durch die einzelnen Staaten möglich sind, ohne die Staatsfinanzen völlig zu zerrütten, steckt das System in der Sackgasse. Die Welt fiktiver Buchwerte und realer Vermögenswerte kann nicht ohne eine massive Anpassungskrise mehr zur Deckung gebracht werden. Es fehlt jedoch derzeit den politische Agierenden an Einsicht und politischen Willen, jetzt eine radikale Korrektur aus strikter Reregulierung der Finanzmärkte und einer quasi-Währungsreform in Form einer Anpassung der vielfältigen Gläubiger-Schuldner-Beziehungen, so dass diese wieder tragfähig werden, herbei zu führen. Durch den Irrglauben eine Einführung einer europäischen Haftungsgemeinschaft ließen sich die aus einer mangelnden Ausgabendisziplin entstandenen Verwerfungen der Staatsfinanzen der einzelnen Länder korrigieren, ist nicht zielführend. Der Kern des Problems ist die nachhaltige Stabilisierung der Ausgaben und Einnahmen des Staates, so dass eine kumulativ sich ausweitende Finanzierungslücke nicht mehr entsteht. Transferzahlungen bremsen diesen Prozess, der ohne eine Katharsis kaum erfolgreich sein kann. Es muss eben dort, wo die Staatsschulden völlig aus dem Ruder gelaufen sind, das Anspruchsniveau der Bürger auf ein finanzierbares Niveau zurückgeführt werden. Zinssubventionen könnten nur den notwendigen Anpassungsprozess ein wenig mildern, aber sie können ihn nicht ersetzen.

Derzeit ist noch völlig offen, ob diese Korrekturen letztendlich nicht nur verkündet, sondern auch Schritt  für Schritt umgesetzt werden. Zwar haben unter dem Eindruck der Schuldenfalle jetzt einige Staaten drastische Sparprogramme verkündet, aber ob diese auch tatsächlich Realität werden, ist völlig offen. Dagegen wird nach einer silver bullet in Form von Eurobonds gesucht. Diese soll als Allheilmittel gegen die unvermeidlichen Sparzwänge eingesetzt werden. Das wird wohl so oder so schöne Hoffnungen bleiben. Selbst wenn man es politisch erzwingen würde, fehlt die Bereitschaft in der Bevölkerung der Geberländer diese Transferleistungen einfach hinzunehmen.

Ursache ist, dass eigentlich alle Länder, d.h. auch die Geberländer in einer Staatsschuldenkrise stecken. Was man den anderen transferiert erschwert die eigene Konsolidierung. Deutschland als größtes Geberland einer Eurobondhaftungsgemeinschaft ist ja selbst bis zum Hals verschuldet. Die 87 Prozent Staatsschuldenquote am eigenen Bruttoinlandsprodukt ist ja nur ein Teil der tatsächlichen Staatsschulden. Es bestehen ja zahlreiche weiterhin nicht berücksichtigte stille Lasten wie ungedeckte Pensionslasten, Bürgschaften aus diversen Rettungspaketen der Vergangenheit sowie der nationalen Bankenrettungen wie der HRE oder der WestLB. In einer Situation, wo daher der Scheinriese Deutschland, der nur durch eine rasche konjunkturelle Erholung und außergewöhnlich niedrige Zinslasten aufgrund der Kapitalflucht in deutsche Staatsanleihen glänzt, jetzt noch weitere langfristige Zahlungsverpflichtungen draufgesattelt werden sollen, könnte dies der letzte Tropfen sein, der auch das deutsche Schuldenfass zum Überlaufen bringt.

Die schöne Mär eine Vergemeinschaftung der Staatsschulden in Form von Eurobonds sei eine Win-win-Strategie auch für Deutschland ist nicht überzeugend. Die Lage wird eher durch ein Nullsummenspiel näherungsweise charakterisiert. Das kann unter den derzeitigen Bedingungen jedoch nicht die Patentlösung der Staatsfinanzkrisen sein. Deutschland hat ja in der zurückliegenden Dekade eindrucksvoll erlebt wie schwierig ein solcher Konsolidierungsprozess ist. Er ist aber noch längst nicht abgeschlossen, sondern wird weitere erhebliche Lasten für die Bevölkerung in Deutschland mit sich bringen. Von daher wird eine weitere Überlastung der Staatsfinanzen auch in Deutschland die konstitutionelle Verfassung des Staates auch in Deutschland in Frage stellen.

Advertisements

Griechenland: Papandreou übersteht Vertrauensfrage im Parlament

Vor kurzem wollte Papandreou noch zurücktreten, weil er vor dem wachsenden Widerstand auch in seiner eigenen sozialistischen Partei resignierte. Was ihn am Ende umgestimmt hat, bleibt unklar. Jedenfalls hat er sein Kabinettumgebildet, sich nochmals eine Rückendeckung aus Brüssel und Berlin geholt und jetzt die Abstimmung über die Vertrauensfrage im Parlament überstanden. Bleibt die Abstimmung über die Spargesetze in der kommenden Woche, die nochmals massive Privatisierungen, Steuererhöhungen und Kürzungen in Staatshaushalt beinhalten. Dann könnte die nächste Tranche aus dem, laufenden Hilfspaket der Troika im Juli wie geplant fließen.

Ende gut, Alles gut?

Man könnte glauben damit sei der Durchbruch gelungen und es könnte wieder Ruhe im Land eintreten. Das dürfte sich aber leicht als Irrtum erweisen. Schließlich ist es das Eine ein Gesetz zu verabschieden und es ist etwas anderes dieses auf praktisch zu implementieren. Das Parlament in Griechenland mag sich ja erschöpft in die Sommerpause verabschieden, aber jetzt muss in rasantem Tempo der Privatisierungsprozess in Gang gesetzt werden. Privatisierung hat zum einen unter den gegenwärtigen Umständen den Charakter eines Ausverkaufs. Schnäppchenjäger aus dem In- und Ausland werden Schlange stehen, um den einen oder anderen Schnitt für sich zu machen. Ob am Ende die geplanten 50 Mrd. Euro in den Bilanzen der Privatisierer stehen werden ist mehr als zweifelhaft. Helmut Kohl glaubte ja auch mal- naiv wie er in ökonomischen Dingen war, man könne die Wiedervereinigung allein aus den Privatisierungserlösen finanzieren. Er hatte sich gründlich getäuscht.

Hinzu kommt, dass es ja nicht einfach um einen Eigentümerwechsel geht. Schließlich sind zahlreiche dort Beschäftigte derzeit noch Staatsbedienstete dort – folgt man den Beispielen der anekdotischen Evidenz – durchaus gemessen an den im privaten Sektor üblichen Gehältern fürstlich besoldet und nicht gerade unter Leistungsstress stehend beschäftigt sind. Das dürfte im Zuge der Privatisierung wohl rasch der Vergangenheit angehören. Hinzu kommt, dass es wohl ebenfalls einen drastischen Personalabbau geben wird.

All dies trägt sicherlich nicht zum sozialen Frieden des Landes bei. Ob notwendig oder nicht, hier werden zwangsläufig langandauernde Besitzstände von Belegschaften mehr oder weniger radikal beseitigt, friedlich geht das nicht. Wenn man einmal davon ausgeht, dass nicht nur die Oppositionsparteien in den letzten Jahren gesündigt haben, dürfte es auch die Parteianhänger der PASOK von Papandreou treffen, die über solche Posten im Staatsdienst versorgt worden sind. Es  dürften auch einige privatisierte Betriebe, wenn sie denn nicht als private Monopole weiterbestehen, ganz pleite gehen. Jedenfalls durfte die Arbeitslosigkeit unter den ehemals Staatsbediensteten drastisch ansteigen.

Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen werden das Land auch nicht glücklicher machen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass Steuern rigoroser als bisher und vielleicht sogar von den reichen Griechen insbesondere eingetrieben werden, dann dürfte dies in der Bevölkerung auch nicht Begeisterungsstürme auslösen. Einzig der Fall, dass es jetzt den Reichen auch an den Kragen bzw. an die Geldbörse geht, könnte vorübergehend der Regierung Sympathie und Zustimmung einbringen. Aber wie gesagt: dies sind keine nachhaltigen Effekte, wenn es auch die eigenen Finanzen betrifft und der Sozialstaat seine Leistungen noch weiter deutlich reduziert.

Inflation und Wachstumsschwäche

All dies wird die Inflation antreiben und damit die Kaufkraft der Bürger zusätzlich schrumpfen lassen. Schließlich haben die Privatisierungen auch in Deutschland in der Regel – es müssen ja schließlich marktübliche Gewinne erwirtschaftet werden – die Preise insgesamt deutlich stiegen lassen. Effizienzgewinne der Privatisierungen verschwinden eher schnell in den Taschen der neuen Anteilseigner als dass sie an die Kunden weitergereicht werden. So funktioniert das Privatisierungsspiel nicht. Man will schließlich möglichst rasch Gewinne erwirtschaften und das geht nur durch Kostensenkungen insbesondere bei  den Lohn- und Gehaltskosten und Preissteigerungen wo immer dies möglich ist. Oftmals – das zeigt eine leidvolle Erfahrung in anderen Ländern – wird bei der Privatisierung von unerlässlichen Infrastruktureinrichtungen – beispielsweise Bahn, Häfen, Straßen, etc. – die notwenigen Investitionen zum Erhalt und zur Pflege nicht in erforderlichen Umfang aufrechterhalten. Das Ergebnis, der Staat sieht sich später genötigt diese wieder zurück zu kaufen. Die britische Bahn oder Wasserbetriebe ist ein plastisches Beispiel dafür. Ob dann gesamtgesellschaftlich über einen längeren Zeitraum eine Ersparnis und Effizienzsteigerung herauskommt muss abgewartet werden. Die Ergebnisse aus anderen Ländern zeigen jedenfalls ein zwiespältiges Bild.

Ob mit diesem Maßnahmenbündel die griechische Wirtschaft rasch wieder auf einen erfolgreichen Wachstumspfad zurückkehren wird, ist fast ausgeschlossen. Es wäre ein an ein Wunder grenzendes Ereignis. Nimmt man die lange Liste der vom IWF gesteuerten Sanierungen von Staaten insbesondere Entwicklungsländern, dann herrscht eigentlich Einigkeit unter Experten darüber, dass diese Rosskuren, die Länder meist deutlich tiefer in die Krise gestürzt haben. Erfolgsgeschichten sind Mangelware. Das ist wohl auch im Fall Griechenland allen Beteiligten inzwischen klar geworden. Darum werden die Rufe nach einem Marshall-Plan für Griechenland immer lauter. Doch dazu soll in einem späteren Beitrag mehr gesagt werden.

Griechische Regierung will zurücktreten

Jetzt zeigt sich, dass Griechenland nicht in der Lage ist die von den Gläubigern geforderten Konditionalitäten zu erfüllen. Nachdem heute bereits der Generalstreik in Griechenland ausgerufen wurde, bröckelt auch die Mehrheit der jetzigen Regierung im Parlament. Eine Allparteienregierung wurde aber bereits vorher von den Oppositionsparteien abgelehnt. Papandreou droht mit seinem Rücktritt. Unter den derzeitigen Bedingungen steuert Griechenland in einen Zustand der Unregierbarkeit.

Desolate innenpolitische Lage in Griechenland

Die griechische Bevölkerung geht seit Wochen auf die Straße, um gegen die Sparpläne der Regierung zu protestieren. Diese kann jedoch nur versuchen die Auflagen der Kreditgeber zu erfüllen, will sie nicht den sofortigen offiziellen Staatsbankrott aus Sicht der Finanzmärkte riskieren. Da aber sich selbst die Gläubigerstaaten über eine Umschuldung nicht einigen können, herrscht allgemeine Orientierungslosigkeit, die immer mehr in Wut auf allen Seiten ausartet.

EU und EZB versagen

Chaos allerorten. Die Finanzminister der EU vertagen sich bis zum kommenden Montag nachdem ihre gestrige Sitzung ergebnislos verlaufen ist. Das zeigt eigentlich deren Hilflosigkeit zu einer gemeinsamen Position zu finden. Man scheint eher darauf zu hoffen, dass sich aufgrund des Gangs der Dinge eine Entscheidung für sie überflüssig wird. Erklärt sich Griechenland offiziell als insolvent, dann muss man ja auch über keine weiteren Beistandskredite mehr entscheiden.

Verkauf von griechischem Staatseigentum ist keine Lösung

Dass der Verkauf von Staatseigentum unter den derzeitigen Bedingungen nicht den erhofften Erlös bringen würde, hat bereits die Übernahme von OTE durch die Deutsche Telekom gezeigt. Die Deutsche Telekom zahlte nur einen Bruchteil für den Anteil im Vergleich zu dem vorherigen wenige Jahre zuvor. Das dürfte auch in den anderen Fällen kaum anders verlaufen. Notverkäufe bringen in der Regel nur ein deutlich geringeren Erlös als unter normalen Bedingungen möglich wäre. Die Geier aus dem Ausland kreisen bereits über Griechenland, um sich billige Schnäppchen zu sichern.

De facto Pleite und nun demnächst auch de jure?

Nachdem bereits die Rating-Agenturen Griechenland als Staatspleitekandidat einschätzen, Otmar Issing, ehemaliges Direktoriumsmitglied der EZB, von einer de facto Staatspleite gesprochen hat, ist es jetzt nur noch eine Frage wann de jure dieser nicht zu leugnende Sachverhalt auch anerkannt wird. Es droht jetzt die von Wolfgang Schäuble bereits beschworene ungeordnete Insolvenz Griechenlands. Das scheint aber die meisten anderen Beteiligten nicht mehr zu Kompromisslösungen zu motivieren. Stattdessen wächst der Widerstand in den Geberländern. Rien ne va plus.

Die Grenzabgeordneten der schwarz-gelben Koalition

Es ist inzwischen bekannt, dass es eine Reihe von Abgeordneten im Deutschen Bundestag der schwarz-gelben Koalition gibt, die entweder gegen den Antrag der Bundesregierung zur Griechenland Umschuldung gestimmt haben, oder damit zumindest damit gedroht haben dies zu tun. Nun ist ja jeder Abgeordnete nur seinem Gewissen verpflichtet und es gibt genügend gewichtige Gründe ein weiteres Rettungspaket für Griechenland abzulehnen. Offenbar gibt es aber auch die Möglichkeit die wackelige Mehrheit der schwarz-gelben Koalition dazu zu nutzen, die eigene Regierung zu erpressen. Man kann sich ja seine Stimme durch Zusagen in anderen Bereichen abkaufen lassen.

Die gestrige Phoenix-Runde

Die gestrige Phoenix-Runde lieferte hier einige Einblicke in das Denken einiger FDP-Abgeordneten. Jürgen Koppelin sprach es dort ganz offen aus. Wenn der Finanzminister den Wünschen der FDP auf Steuersenkungen – beispielsweise Streichung des Solidaritätsbeitrags oder Änderungen bei der Mehrwertsteuer – entgegen käme, könne man sich ja überlegen, ob man dann dem Rettungspaket für Griechenland seine Stimme nicht verweigere. Diese Art des Paketschnürens ist eine Form der Erpressung der Regierung. Man nutzt die Schwäche, um weitere Vergünstigungen für die eigene Klientel zu erreichen. Man kennt ja diese Deals. Mövenpick lässt grüßen. Der Staat kann gar nicht genug in einer finanziellen Schieflage sein, um nicht doch noch etwas für die eigene Klientel herausschlagen zu wollen. Die Schulden bezahlen dann die anderen.

Globale Krise der Staatsfinanzen: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Nachdem seit Ausbruch der globalen Finanzkrise im Zuge der Lehmann-Pleite im September 2008 die Staatengemeinschaft in hektische Betriebsamkeit verfiel, um den Kollaps der Weltwirtschaft abzuwenden, hat sich danach immer mehr die Vorherrschaft nationaler Egoismen in den Vordergrund geschoben. Man glaubte nicht mehr im gleichen Boot zu sitzen, sondern sich zu Lasten der anderen eine bessere Ausgangsposition für den Wiederaufschwung verschaffen zu können. Dies betrifft insbesondere die unerlässlichen strukturellen Bestrebungen der globalen Weltwirtschaft wie nachhaltiger Abbau globaler Handelsbilanz bzw. Leistungsbilanzungleichgewichte sowie eine globale striktere Regulierung der Finanzmärkte und Beseitigung von Auswüchsen des Kasinokapitalismus.

Knapp drei Jahre danach sind die Fortschritte auf diesen Gebieten mehr als bescheiden. Man hat die Zeit ungenutzt mit Streitereien verstreichen lassen. Jetzt wo sich die Lage wieder dramatisch zu spitzt, stellt man fest, dass einem die Zeit fehlt, um noch unerlässliche Kompromisse rechtzeitig untereinander aushandeln zu können.

Die Weltwirtschaft steht vor einem chaotischen Zusammenbruch

Weil jeder sich aus der Verantwortung stehlen wollte, die Vermögensbesitzer weltweit wollten nicht auf ihre angestammten Rechte verzichten, sondern auf Heller und Pfenning mit Zins und Zinseszins ihre Forderungen aufrechterhalten, werden sie am Ende bis auf einige Wenige deutlich größere Verluste erleiden als dies bei einem geordneten weltweiten Umschuldung verbunden mit einem teilweisen Schuldenerlass möglich gewesen wäre. Auch die Regierungen die darauf bauten, dass ihre drastische Übernahme der Schulden aus dem Finanzsektor für sie folgenlos für ihre Solvenz getätigt werden könnte, müssen nun den Tatsachen ins Auge sehen, dass dies nicht mehr der Fall ist. Man hat sich gewaltig übernommen und damit auch die Glaubwürdigkeit in die nachhaltige Finanzstabilität der einzelnen Staaten untergraben.

Da ab einem bestimmten Punkt die Bereitschaft zur Kooperation dramatisch sinkt, wenn das Vertrauen in die Bereitschaft gemeinsam in fairer Weise, die Lasten untereinander aufzuteilen, verloren gegangen ist, sind Verhandlungslösungen immer unwahrscheinlicher geworden. Die Politik, d.h. die einzelnen nationalen Regierungen sowie die multinationalen wie internationalen Organisationen haben versagt.

Das Versagen der unregulierten Märkte

Die libertinäre Wirtschaft einzig auf das egoistische Profitstreben ausgerichtete Weltwirtschaft, die sich immer mehr notwendigen Regulierungen durch staatliche Kontrollen entzogen hat, muss nun erkennen, dass eine globale Weltwirtschaft ohne ein funktionierendes Regelwerk funktionsuntüchtig ist. Die Marktdisziplin, die immer wieder als Selbstregulierungsmechanismus beschworen wurde, der allen staatlichen Eingriffen haushoch überlegen sei, erweist sich als Chimäre. Die Vertrauenskrise der Marktteilnehmer untereinander heimlich die Regeln des Marktes gebrochen zu haben, war ja letztendlich die Ursache für den Finanzmarktkollaps. Statt Transparenz der Märkte war eine Schattenökonomie geschaffen worden, die genau dies für eine begrenzte Zeit verhindern konnte. Da aber auf Dauer niemand alle auf Dauer über die Probleme der realen Weltwirtschaft hinwegtäuschen kann, kommt es zwangsläufig zu einem Zeitpunkt der Desillusionierung.

Am Ende steht Fassungslosigkeit

Solche späte Selbsterkenntnis reicht jedoch in der Regel nicht mehr aus, um die Folgen der Täuschung einschließlich der Selbsttäuschung noch aufhalten zu können. Was bleibt ist die Trauer über die verlorene Zeit, in der man die Katastrophe noch hätte abwenden können. Späte Reue schützt nicht vor den tragischen Folgen. Eine Kombination aus Markt- und Staatsversagen steht dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft am Ende wehrlos gegenüber.