Warum es an den europäischen Bondmärkten und Börsen kriselt

Nachdem es erneut zu einem erneuten Mini-Flashcrash am Monatsanfang Juni an den europäischen Bondmärkten gekommen ist, macht sich Unsicherheit nicht nur dort, sondern auch auf den Aktienmärkten breit.

Anleger fürchten, dass die bisherige Strategie der EZB die Zinsen innerhalb der Eurozone weiter nach unten zu drücken erfolglos bleiben könnte. Letztendlich versucht ja die EZB sich mit ihrer Zinspolitik und dem QE gegen den globalen Trend zu einer Anhebung der Kapitalmarktzinsen entgegen zu stemmen. Ein Blick auf die Zinsstrukturkurve der USA zeigt, was eigentlich der Auslöser der derzeitigen Schockwellen an den europäischen Bond- und Aktienmärkten ist.

Seit Ende Januar (28. Januar 2015) diesen Jahres sind die Zinsen entlang der Zinsstrukturkurve deutlich angestiegen. Von 2,05% auf derzeit 2,78% für dreißigjährige Bundesanleihen in den USA. Damit haben dort bereits die Anleger ohne Unterstützung der US-Notenbank entschieden, dass es zu einer Zinswende auch ohne Anhebung der Zinsen der Fed kommt. Mithin machen sich die globalen Investoren auf den Kapitalmärkten von der Geldpolitik der Zentralbanken zunehmend unabhängig.
Dynamic yield curve 28-01 05-06-2015
Quelle: http://stockcharts.com/freecharts/yieldcurve.php
Die Anleger verweigern den geldpolitischen Experimenten der Zentralbanken in Europa mit Negativzinssätzen und zusätzlicher Liquidität durch den Ankauf von Kapitalmarktpapieren seitens der EZB ihre Unterstützung. Sie sind immer weniger bereit für langfristig negative Realzinsen und derzeit eben auch negative Nominalzinsen für Zentralbankeinlagen ihr Geld zur Verfügung zu stellen. Die Zentralbanken stehen gewissermaßen vor einem Anlegerstreik.

Indem man jetzt vorzeitig Papiere mit niedrigen Zinssätzen auf den Bondmarkt wirft und dies vermutlich auch durch ungedeckte Leerverkäufe zusätzlich hebelt, treibt man die Zinsen für festverzinsliche Anleihen in die Höhe. Das Volumen der EZB von monatlich rd. 60 Mrd. Euro mit Ankäufen, diese Strategie zu konterkarieren, reicht für eine Stabilisierung der Zinsentwicklung auf den europäischen Kapitalmärkten nicht aus. Es könnte der EZB am Ende so ergehen wie der Bank of England als sie den Kurs des britischen Pfundes innerhalb der Bandbreiten der Währungsschlage des ECU zu verbleiben, am Ende nicht durchhalten konnte. George Soros , der genau darauf spekuliert hatte, wurde so schlagartig ein reicher Mann.

Hinzu kommt eben der wachsende Zinsspread auch zu den US-Staatsanleihen, der ja für Bill Gross der Anlass war, zu breit angelegten Arbitragespekulationen per Twitter aufzurufen. Wenn es das Ziel der globalen Finanzmärkte derzeit ist, diese Differenz zwischen US-Anleihen und denen in Europa zu nivellieren, dann dürfte es auch weiterhin zu solchen spekulativen Attacken auf die aus Sicht der großen Finanzinvestoren zu niedrig verzinsten europäischen Staatsanleihen kommen.

Zinssätze für Staatsanleihen Mai 2015

Da aber die Zinssätze in den USA bereits jetzt seit knapp einem halben Jahr deutlich über alle Laufzeiten angezogen haben, ist das gleichsam ein Hase-Igel-Rennen. Wenn sich die Zinssätze in Europa etwas denen der USA angenähert haben, dann sind diese bereits weiter nach oben enteilt. Das Spiel kann sich solange fortsetzen bis die Finanzmärkte meinen ein nachhaltig hohes Zinsniveau durchgesetzt zu haben.
Das Festhalten der Fed an ihrer Zinspolitik wird daran letztendlich nichts ändern können. Die Federal Fund Rate hat sich bereits von der Geld- und insbesondere Kapitalmarktentwicklung weitgehend abgekoppelt. Es ist gleichsam als ob der Fahrer auf die Bremse seines Fahrzeugs tritt, aber die Bremsen versagen und das Fahrzeug ungebremst weiter beschleunigt. Kontrollverlust eben.

Je mehr sich auf den internationalen Finanzmärkten diese Wahrnehmung durchsetzt, desto prekärer wird die Lage für die Zentralbanken. Schließlich ist ja ein wesentlicher Teil des Erfolgs oder Misserfolgs ihrer Politik davon abhängig, dass die Anleger daran glauben, dass die Zentralbanken die Kontrolle über die Geld- und Finanzmärkte ausüben. Schwindet der Glaube daran, dann dürfte es schwer werden, dieses verlorene Vertrauen rasch wieder zurückzugewinne oder aber eben es erforderte einen hohen Preis.

Mit der Verzögerung der Zinswende in den USA durch die Fed am Geldmarkt hat sie dann am Ende die Lage für sich nur verschlimmert. Die Anleger sehen die aktuelle Zinsentwicklung auf den Kapitalmärkten und stimmen entsprechend mit den Füßen ab.
Nicht ganz zufällig flammt derzeit auch wieder die Debatte in Deutschland und den USA um die Abschaffung des Bargelds auf. Wegen der Negativzinsen in einer Reihe von Ländern droht dort die Flucht von großen institutionellen Anlegern in Bargeld.

Wie sagte bereits J. P. Morgan bereits vor langer Zeit sehr zutreffend: „A man always has two reasons for things he does – a good one and the real one.“

Der gute Grund ist die Bekämpfung der Schattenwirtschaft und des Schwarzgelds, der wirkliche ist die Angst der Geldpolitiker vor einer massiven Kapitalflucht von den Bankkonten ins Bargeld. Mithin liegt die rationale Grenze für die Zentralbankgeldpolitik bei Negativzinsen dort, wie Paul Krugman treffenderweise feststellte:

„When central banks push interest rates on government debt below zero, the effective lower bound is the return on cash held by people who would otherwise be holding that government debt — not people looking to expand their checking accounts. So the liquidity advantages of bank deposits over cash in a vault are pretty much irrelevant. It’s all about the cost of storage.“

Mithin könnte es, wenn irrationale Übertreibungen nicht ausgeschlossen werden können, sogar früher zu einem ersten solchen bank run kommen. Das hätte aber dramatische Folgen für das gesamte Finanzsystem, denn schließlich ist die Liquidität der Finanzinstitute und die Sicherheiten in einem erheblichen Teil eben Bargeld und Staatsschuldverschreibungen in ihrer Bankbilanz die Grundlage für ihre Solvenz.
Spielen aber die Anleger das Spiel der Zentralbank mit negativen Zinssätzen nicht mehr mit, dann hätte man statt eine Finanzkrise zu vermeiden eine selbstverschuldete Finanzmarktkrise herbeigeführt. Zwar könnte die Zentralbank als Lender-of-last-resort die Liquidität in Form von Zentralbankgeld schaffen, aber letztendlich wäre ihre Politik der negativen Zinssätze zur Anregung der Kreditvergabe de facto gescheitert.
Uns könnte daher ein heißer Sommer bevorstehen. Derzeit lautet jedenfalls die Devise „cash is king“.

Kommt es zusätzlich noch zu einer Zinskonvergenz zwischen den Zinssätzen in den USA und Europa, dann wäre Mario Draghi Geldpolitik endgültig gescheitert. Der „Retter des Euro“ hätte mit seiner unorthodoxen Geldpolitik am Ende nur alles noch schlimmer gemacht. Man stünde de facto vor einem Scherbenhaufen.

Da eine Zinswende auf den globalen Finanzmärkten für festverzinsliche Werte auch die Aktienmärkte nicht unberührt lässt, ziehen bereits jetzt auch die Aktienmärkte nach. Die Aktienkurse gehen wegen der Unsicherheit über die weltweite Zinsentwicklung auf Talfahrt. Die europäischen Aktienmärkte neben dabei eine Vorreiterrolle ein.

Ausnahmen bestätigen die Regel. In China findet parallel dazu ein Börsenboom statt, der bereits bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Auch in Japan scheint der Glaube an die Wunderkraft der Abenomics bei den Börsianern noch ungebrochen zu halten, aber das könnte sich auch noch demnächst ändern.

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G20-Gipfel: Europas Banken droht weitere Herabstufung

„Standard & Poor’s hatte am Mittwoch, den 21. September, die langfristige Kreditwürdigkeit von sieben italienischen Instituten herabgestuft und deren Ausblick mit negativ bewertet. Darunter sind auch Größen wie Mediobanca und Intesa SanPaolo, die von der Bonitätsstufe „A+“ auf „A“ rutschten. Acht weitere italienische Banken könnten demnächst ebenfalls abgewertet – unter anderem die größte italienische Bank Unicredit. Die Herabstufung der Geldhäuser ist eng verknüpft mit der Bewertung der Bonität Italiens. Anfang der Woche stufte S&P Italien bereits von „A+“ auf „A“ ab.“ Damit weitet sich die europäische Bankenkrise weiter aus.

Christine Lagarde, die neue IWF-Chefin, hatte bereits auf die Unterkapitalisierung der europäischen Banken in Höhe von 200 Mrd. Euro hingewiesen. Trotz heftiger Proteste aus Europa wurde dieser Wert sogar noch auf 300 Mrd. Euro angehoben. Das DIW schätzt den Kapitalbedarf in Deutschland allein auf 127 Mrd. Euro. Da kommt noch etwas auf uns zu.

Vage Hoffnung auf G20-Treffen

Pokerface Schäuble versucht die Dramatik herunterzuspielen. Auf dem G20-Gipfel in Washington im Rahmen der IWF/Weltbank Jahrestagung verkündet er tapfer, dass der EFSF-Rettungsfond, der jetzt mehr zur Rettung des europäischen Bankensystems dienen wird als zur Rettung weiterer Pleitestaaten pünktlich seine Arbeit aufnehmen kann. Schließlich treibt alle Mitglieder der EU die Angst vor dem Finanzkollaps in Europa an. Noch gibt es noch keine offizielle Sifi-Liste. Sie könnte im Falle eines Ausbruchs in eine offene Bankenkrise in Europa für viele der großen Institute lebenswichtig werden. Derzeit gleicht auch für die größten Institute die Lage zusammen mit den jeweiligen Staaten einem Ritt über den Bodensee. Hält das Eis bis man das rettende Ufer Sifi erreicht hat?

Bereits in Washington könnte eine Festlegung der weltweit relevanten SiFis erfolgen. Jedenfalls ist hier mit einem baldigen Ergebnis zu rechnen. Ob darüber hinaus die anderen Länder insbesondere die BRIC-Staaten den Europäern direkt weitere Finanzhilfen zur Bewältigung der Bankenkrise zur Verfügung stellen, bleibt abzuwarten. Vorstöße der Länder, die von einer Staatspleite bedroht sind, in China waren wenig erfolgversprechend. Die Haltung ist allgemein, dass Europa sich selbst am Schopf aus dem Sumpf ziehen soll. Solche Tricks gelingen aber selten.

Wenig Stress mit Stresstest der Banken

Alle Jahre wieder wird jetzt von der Europäischen Finanzaufsicht (EBA) ein Stresstest der derzeit 90 wichtigsten Banken in der EU durchgeführt. Bereits im letzten Jahr wurde der damalige Test als vergleichsweise harmlos mit den tatsächlich bestehenden potentiellen Risiken von der Mehrzahl der Beobachter am Finanzmarkt eingestuft. Damals bestanden sieben Banken den Test nicht. Sie wurden daher aufgefordert ihre Kernkapitalquote entsprechend zu erhöhen. Jetzt sind es erneut acht Banken, die durchgefallen sind. Auch hier gilt wieder die Aufforderung an die Banken ihre Kernkapitalquote  anzuheben. Dabei ist dies nicht eine verbindliche Vorgabe, die innerhalb gesetzter Fristen zu erfolgen hat, sondern gilt mehr als eine Empfehlung. Ein Verlust der Banklizenz droht den durchgefallenen Instituten jedenfalls nicht.

Staatspleite nicht vorgesehen

Erneut wurden mögliche Szenarien wie eine Staatspleite Griechenlands oder anderer Mitgliedsländer der EU nicht in das zugrundgelegte Szenario einbezogen. Mithin verschließt man vor dieser realen Möglichkeit einfach die Augen. Es darf nicht sein, was nicht sein darf, lautet hier die Devise. Ähnlich geht man ja auch beim Stresstest der AKW in der EU vor. Was potentiell zu teuer werden könnte, wird einfach ex definitione aus dem Krisenszenario ausgeschlossen. Mithin sind diese Stresstests einfach Stresstests light. Auch hier werden nur unverbindliche Ergebnisse produziert. Kein AKW wird deswegen stillgelegt werden.

So sind die spanischen Banken und Sparkassen, von denen sechs durch den Stresstest fielen, entschlossen sich nicht um eine notwendige Erhöhung ihrer Kernkapitalquote zu bemühen. Man vertritt einfach die Auffassung, dass man bei Änderung der Definition ja genügend Eigenkapital besäße. Ebenso reagiert die deutsche Helaba. Alles eine Frage der Definition. Wenn man die Regeln nur entsprechend ändert, dann bestehen wir halt auch den Stresstest. So ist das. Post hoc ergo propter hoc. Wir basteln uns unseren Stresstest selber.

Mithin bleibt die ganze Veranstaltung ein Muster ohne Wert. Sie schaffen noch nicht einmal das erhoffte Vertrauen in der Öffentlichkeit. Man fürchtet so sehr die Transparenz über die potentiellen Risiken der einzelnen Geldinstitute, dass man auf die Veröffentlichung der Ergebnisse verzichten möchte. Merke du sollst nicht merken, wie es um einzelne Banken steht. Sicherheitshalber garantiert unsere Kanzlerin noch schnell erneut sämtliche Spareinlagen in Deutschland. Kann ja nicht schaden. Sicher ist sicher bzw. totsicher.