Der Ölpreis auf den Weltmärkten – Ein Oligopolspiel mit ungewissem Ausgang

Seitdem im Laufe des Letzten Jahres sich die Rohölpreise nahezu halbiert haben wird viel darüber spekuliert, wie deren zukünftiger Verlauf sein könnte. Die Ölpreisschwankungen sind bereits in der Vergangenheit recht stark innerhalb verschiedener Phasen auch seit dem Jahr 2000 ausgefallen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1 – Entwicklung des Ölpreises in US-Dollar je Barrel, 2000 – 2015.
Oil Prices
Quelle: Tradingeconomics.

Zeitweilig schoss er sogar vor dem Ausbruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise bis über 140 US-Dollar, um danach einen dramatischen Absturz auf unter 40 US-Dollar zu erleben. Danach stabilisierte er sich dann wieder und schwankte bis vor dem jetzigen Ölpreis-Crash um 100 US-Dollar. Eine zentrale Rolle spielt dabei natürlich die OPEC.
Seit ihrer Gründung im Jahr 1965 versuchen dessen Mitglieder immer wieder den weltweiten Ölpreis zu kontrollieren, in dem sie die Produktionsmengen untereinander absprechen. Allerdings gelang dies eben nur teilweise.

Cournot-Monopolpreisbildung auf den Rohölmärkten?

Das OPEC-Kartell, das quasi als Cournot -Monopolist operieren möchte, senkt daher die Angebotsmenge auf rund die Hälfte der unter vollkommenen Wettbewerb zu erwarteten Angebotsmenge und kann bei einer linearen Preis-Absatz-Funktion damit auch den Angebotspreis bei halbierter Angebotsmenge verdoppeln. Er fährt also eine entsprechende Monopolrente ein, wenn die Preis-Absatz-Funktion stabil bleibt. Da Öl eine erschöpfbare Ressource ist, ist es aus Sicht der ölproduzierenden Länder zweckrational durch eine Verhandlungslösung der Mitgliedsstaaten im Sinne eines quasi Cournotschen Monopolisten zu agieren.

Koordinationsversagen der OPEC

Es zeigt sich jedoch in der Vergangenheit immer wieder, dass diese Koordination zwischen den OPEC-Staaten instabil wird, wenn insbesondere der dominierende Spieler in diesem Koordinationsprozess, d.h. Saudi Arabien, sich weigert den Forderungen der anderen Kartellmitglieder nachzugeben und in der Regel meist überproportional zu seinem bisherigen Weltmarktanteil seine Ölproduktion herunterzufahren. Mit dem Zusammenbruch des OPEC-Kartells in dem Sinne, dass die einzelnen Mitglieder sich nicht mehr an ihre Mengenabsprachen halten, kommt es dann in der Regel zu einem rapiden Ölpreisverfall, der dann gestoppt werden kann, wenn man sich dem Preis bei vollkommenen Wettbewerb nähert. Natürlich ist dieses vereinfachte Modell nicht perfekt zur Beschreibung der Situation auf den globalen Ölmärkten bereits geeignet. Trotzdem ist es als erste Approximation erstaunlich robust, was die extremen Ölpreisschwankungen der letzten anderthalb Jahrzehnte betrifft.

Oligopolistisches Cournot-Spiel mit Marktzutritt

Im Sinne der oligopolistischen Spieltheorie ist der Rohölmarkt gleichsam bistabil. Unter normalen Rahmenbedingungen, d.h. stetig wachsender Rohölnachfrage, gelingt es in der Regel den Mitgliedern des OPEC-Kartells ihre Produktionsmengen miteinander zu koordinieren. Jedoch kommt es aufgrund größerer negativer Nachfrageschocks wie zuletzt in der großen Finanz- und Wirtschaftskrise des Jahres 2008 zu einem drastischen Nachfrageeinbruch, dann bricht das Kartell in sich zusammen. Die Ölpreise fallen aufgrund des jetzt einsetzenden Angebotsdrucks in etwa auf die Höhe der vollkommenen Wettbewerbspreise. Maßgeblich hierfür ist insbesondere auch, dass eine große Anzahl von ölproduzierenden Staaten quasi ausschließlich von ihren Rohöl bzw. Erdgaseinnahmen leben. Ohne diese regelmäßig fließenden Einnahmen geraten diese Länder dann rasch an den Rand des Staatsbankrotts.

Länder wie Saudi Arabien, Venezuela, der Iran, Russland, etc. finanzieren zu einem erheblichen Anteil ihre Staatsausgaben über diese Monopolrenten. Fallen diese weg, dann droht eben eine Staatsfinanzkrise. Diese betrifft in der Regel insbesondere diejenigen Länder, die relativ zu anderen Ländern höhere Produktionskosten bei der Erdölgewinnung aufgrund der geologischen Gegebenheiten hinzunehmen haben, und, die gleichzeitig diese Monopolrenten zu einem erheblichen Teil zur Finanzierung ihrer laufenden Staatsausgaben einsetzen.

Saudi Arabien ist der dominante Spieler

Saudi Arabien ist nicht zuletzt deshalb der dominante Spieler in diesem Koordinationsspiel der OPEC-Mitgliedsstaaten, weil es zum einen die niedrigsten Produktionskosten von unter 10 US-Dollar je Barrel Erdöl zu verzeichnen hat, aber gleichzeitig auch aufgrund des hohen Marktanteils keineswegs auf die Erlöse aus den Monopolrenten wie andere OPEC-Mitgliedsstaaten angewiesen ist. Wegen dieser Konstellation kann aber muss Saudi Arabien nicht seine Angebotsmengen reduzieren. Damit wird man quasi zu einem Stackelberg-Spieler, d.h. letztendlich müssen sich die anderen Länder den Vorgaben der Saudis fügen.

Fracking als Innovation und die USA als neuer Spieler im Rohölmarkt

Warum kam es jetzt aber im vergangenen Jahr zu diesem dramatischen Einbruch bei den Rohölpreisen? Vorangegangen war der Marktzutritt eines neuen Spielers in den Rohölmarkt. Die USA waren durch die massive Ausweitung ihrer heimischen Erdölförderung mittels neuer Technologien, dem sogenannten Fracking , in der Lage einen zunehmenden Anteil des heimischen Bedarfs selbst zu decken und stiegen nach Saudi Arabien und Russland zum weltweit drittgrößten Ölproduzenten auf.

Die USA haben jedoch gegenüber den anderen ölproduzierenden Ländern eine Besonderheit. Man produziert nicht nur Rohöl, sondern ist gleichzeitig der weltweit größte Verbraucher von Rohöl. Nicht zuletzt deswegen brachen insbesondere die Exporte von Rohöl aus den übrigen ölproduzierenden Ländern in die USA ein. Da diese neue Fördertechnologie jedoch nicht nur in den USA eingesetzt werden kann, wo vorher die mit traditionellen Fördermethoden vorhandenen Ölfelder bereits erschöpft waren, können diese nun erneut erfolgreich letztendlich weltweit ausgebeutet werden.

Damit wurde das Angebot an Rohöl schlagartig ausgeweitet bzw. das potentielle Angebot. Wie die Debatte um Fracking in Europa insbesondere auch in Deutschland zeigt, gibt es gegen dieses Verfahren jedoch auch erheblich ökologische Bedenken. Letztendlich führte jedoch die Entwicklung der vergangenen Jahre zu einem Markteintrittsspiel für den weltweiten Rohölmarkt, da es möglich wurde bei Förderkosten von etwa 60 US-Dollar je Barrel in den USA den überhöhten Rohölpreisen des OPEC-Kartells und deren followern wie insbesondere Russland bei der Preispolitik des OPEC-Kartells neben den wachsenden Angebotsmengen auch Preiskonkurrenz entgegenzustellen. Nicht zuletzt wegen diese erst seit wenigen Jahren einsetzenden neuen Konkurrenz durch die USA brach das bisherige Preiskartell schlagartig innerhalb weniger Monate zusammen (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2 – US Ölproduktion von 1965 bis 2013.
Fracking Oil USA
Quelle: BP Statistical Review of World Energy, 2014.

Im Jahr 2007 war die Rohölförderung der USA bereits deutlich unter 7 Millionen Barrel pro Tag zurückgegangen, um dann steil bis 2013 wieder auf 10 Mill. Barrel pro Tag nach oben zu schnellen, das entspricht in etwa den Fördermengen der Jahre 1988 bis 1990. Diese Angebotsschock seitens der USA führte aufgrund der entsprechend sinkenden Nachfrage der USA auf den Weltrohölmärkten zu einem analogen Ergebnis wie es bei einem negativen Nachfrageschock der Fall gewesen wäre. In den Krisenjahren 2008/2009 kombinierten sich sogar beide Effekte.

Unsicherheit über den zukünftigen Markt und die Strategie der Saudis

Letztendlich beruht die Weigerung Saudi Arabiens sich den Forderungen der anderen OPEC-Mitgliedsstaaten nach einer überproportionalen Senkung ihrer Fördermengen zu beugen darauf, dass durch den Markteintritt der USA unklar geworden ist, wie sich zukünftig die Weltmarktanteile unter dem neuen Regime der Fracking-Technologie verteilen werden. Würden neben den USA weitere Länder, die bisher wichtige Absatzmärkte der vorwiegend ölproduzierenden Länder gewesen sind, durch eigene mittels Fracking ausbeutbare Ölvorkommen zunehmend selbstversorgen oder aber auch durch die USA, die dies anstreben versorgt werden können, dann ließe sich das bisherige OPEC-Kartell nicht mehr fortführen. Die OPEC wäre dead like a dodo.

Nicht zuletzt deswegen testet Saudi Arabien derzeit die Schmerzgrenzen bei der Ölförderung mittels Fracking in den USA. Man möchte gerne herausfinden ab wann das Rohölangebot der USA nicht mehr steigt bzw. unter Umständen sogar sinkt. Erst unter Kenntnis dieser Gegebenheiten könnten die Saudis vereint mit den anderen OPEC-Staaten sowie Russland erneut versuchen das Kartell neu zu errichten. Allerdings hat die Strategie der Saudis einen wesentlichen Haken. Bei diesem testing and probing der Fracking-Angebotsfunktion drohen bereits einige andere OPEC-Staaten in die Staatspleite zu rutschen. Sie sind im Gegensatz zu den Saudis keineswegs in der Lage einen Preiskampf gegen die USA und ihre Fracking-Ölangebot durchzustehen. Sie würden gleichsam als Kollateralschaden eines Ölpreiskriegs zwischen den Saudis und den USA unterwegs auf der Strecke bleiben. Da ein Staatsbankrott jedoch nachhaltige Schäden in den Ländern verursachen, die über den reinen Einnahmeverlust hinausgehen, sondern bis hin zu inneren sozialen Unruhen führen können, die die dortigen Regime gefährden, tritt die Weltwirtschaft in eine Phase hoher Instabilität sowohl des Rohölangebots wie auch der Rohölpreise ein.

Unsicherheiten über die Zukunft auf den Weltrohölmärkten

Der Autor dieses Beitrags will nicht behaupten erkenne das Ergebnis dieses Ölpreiskriegs und der dadurch verursachten Folgewirkungen. Allerdings zeigen die vorangegangenen Überlegungen, dass es kaum eine verlässliche Rohölpreisprognose geben kann, ohne über die Rolle der Preisgestaltung der unterschiedlichen Regime (Cournot-Monopol versus freien Wettbewerb) sich Klarheit verschafft zu haben. Je nachdem in welchem Szenario man sich befindet, kommen völlig unterschiedliche Preisentwicklungen zustande. Faites vos jeux. Es gilt bekanntlich die alte Regel: Prognosen sind schwierig insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen.

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3 Gedanken zu „Der Ölpreis auf den Weltmärkten – Ein Oligopolspiel mit ungewissem Ausgang

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