Deutschland am Rande der Rezession?

Eine aktuelle Meldung im Spiegel Online berichtet darüber, dass Deutschland nach Ansicht der EU-Kommission sich am Rande der Rezession befindet. Damit ist man noch deutlich skeptischer als die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, die für dieses Jahre eine Wachstumsrate von 1,3% in ihrer erst kürzlich veröffentlichten Gemeinschaftsdiagnose geschätzt haben.
„Deutschland schlittert nach einer Prognose der EU-Kommission in diesem Jahr am Rande der Rezession entlang. Das Wachstum werde nach dem negativen Frühlingsquartal auch im dritten Quartal bei null Prozent liegen, sagt die EU-Kommission in ihrer am Dienstag vorgelegten Herbstprognose voraus. Sinkt die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge, sprechen Volkswirte gemeinhin von einer Rezession.“
Beide Aussagen scheinen zunächst nicht zueinander zu passen. Allerdings muss man hier zwei Dinge voneinander klar trennen. Das eine ist die laufende Veränderungsrate des Bruttoinlandsprodukts und das andere ist die Jahresrate bezogen auf das Vorjahr 2013. Aufgrund der besonderen Entwicklung in diesem und im letzten Jahr fallen diese beiden Wachstumsraten deutlich auseinander (siehe Abbildung 1).

BIP-Raten

Wegen des statistischen Überhangs , d.h. einer niedrigen vierteljährlichen Veränderungsrate insbesondere im ersten Quartal des zurückliegenden Jahres 2013 von -0,4% führte das aufgrund insbesondere milder Witterungseinflüsse in diesem Jahr 2014 zu einem drastischen Sprung der Jahresrate für das erste Quartal bezogen auf das entsprechende Quartal des Vorjahres von 2,5%. Dieser Sprung im ersten Quartal verführte die Konjunkturschätzer in Deutschland sogar dazu im Frühjahr ihre Jahresprognose für dieses Jahr noch deutlich auf 1,8% bis 2,0% heraufzusetzen. Allerdings taten sie das just in dem Augenblick als die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland zu lahmen begann. Im zweiten Quartal sank es sogar leicht um -0,2%.
Daran waren teilweise die Vorzieheffekte beim Bau die positiv im ersten Quartal durchgeschlagen hatten schuld, aber es kamen noch einige arbeitstägliche Effekte aufgrund der Feiertage wie Ostern, Pfingsten etc. in diesem Jahr einschließlich möglicher Brückentage hinzu. Nicht zuletzt auch wegen der weltweit sich abschwächenden Konjunktur traf es die deutsche exportorientierte Industrie besonders hart. Des Weiteren führten die zunehmenden Spannungen im Ukraine-Konflikt bis hin zu den sukzessive gegen Russland verhängten Wirtschaftssanktionen zu weiteren Rückgängen im Export der deutschen Wirtschaft, der sich im dritten und vierten Quartal wohl auch fortsetzt. Das führt auch dazu, dass das DIW bei seinem aktuellsten Konjunkturbarometer nahezu eine fortgesetzte Stagnation für das BIP-Wachstum in der zweiten Jahreshälfte ausweist.
Das führt ebenfalls dazu, dass die laufende Jahreswachstumsrate des Bruttoinlandsprodukt, d.h. das kumulierte Wachstum der vier Quartale gegenüber dem jeweiligen Vorquartal nur noch 0,6% beträgt, während die Jahreswachstumsrate gegenüber dem Vorjahr wegen des Überhangeffekts weiterhin bei noch beachtlichen 1,3% verharrt. Mithin kommt es aufgrund des Überhangeffekts zu dem scheinbar paradoxen Ergebnis, dass die deutsche Wirtschaft wohl voraussichtlich seit dem zweiten Quartal dieses Jahres stagniert bzw. sich am Rande der Rezession bewegt, obwohl die Jahresrate gegenüber dem Vorjahr 2013 immer noch ein beachtliches Wirtschaftswachstum von 1,3% ausweisen würde.
Leider wird in den Medien und der breiten Öffentlichkeit dieses Problem nur völlig unzureichend erkannt und in der Berichterstattung dargestellt. Weil man ausschließlich die jährliche Wachstumsrate gegenüber dem Vorjahr als Leitindikator verwendet, wird ein zu hohes Wirtschaftswachstum aufgrund des Überhangeffekts konstatiert, dass aber mit der aktuellen Entwicklung der letzten drei Quartale dieses Jahres im Widerspruch steht, weil ja aktuell bereits die deutsche Wirtschaft sich in Stagnation oder einer milden Rezession befindet, falls das amtliche Ergebnis für das dritte Quartal negativ ausfallen sollte. Erst im Laufe dieses Monats werden wir nun erfahren, ob Deutschland nur in einer Stagnation oder sogar doch sich bereits in einer milden Rezession befindet.
„Die deutsche Konjunktur hat sich abgekühlt. Das Bruttoinlandsprodukt wird in diesem Jahr voraussichtlich um 1,3 Prozent steigen. Das 68-Prozent-Prognoseintervall reicht dabei von 1,1 bis 1,5 Prozent. Vor allem die schwächere Weltkonjunktur und eine verhaltene Investitionstätigkeit im Inland dämpfen die wirtschaftliche Entwicklung. Im kommenden Jahr dürfte die Produktion um 1,2 Prozent ausgeweitet werden. Dabei spielt aber auch eine Rolle, dass das kommende Jahr mehr Arbeitstage hat; kalenderbereinigt liegt die Expansionsrate nur bei 1,0 Prozent. Wichtigste Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist es in diesem Umfeld, jetzt die Wachstumskräfte zu stärken und günstige Rahmenbedingungen für die Investitionstätigkeit zu setzen. Ein gewisser Spielraum für eine gestaltende Finanzpolitik steht hierfür zur Verfügung.“ GD, Herbst 2014
Merke: Man sollte beide Kennziffern die laufenden und die Vorjahresrate bei der Beurteilung der Wirtschaftsentwicklung heranziehen. Die Jahresrate gegenüber dem Vorjahr ist eher für die retrospektive Betrachtung geeignet, die laufende Wachstumsrate zeigt insbesondere bei unterjährigen Werten was aktuell am Rand tatsächlich passiert. Wer diesen Unterschied nicht berücksichtigt, dürfte am Ende die Lage falsch einschätzen.

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