Spieltheorie, Stackelberg und Prokrastination

Gestern habe ich in einem kurzen Beitrag zu Angela Merkel und ihrem Regierungsstil mittels Prokrastination auf meinem Blog einen Kommentar abgegeben. Im Nachgang dazu ging mir folgendes durch den Kopf. Wie kann man in einer Auseinandersetzung strategische Dominanz gegenüber anderen Akteuren erreichen?
Dieses Thema wird in der Spieltheorie analysiert. Eine bestimmte Konstellation ist die einer Stackelberg-Lösung , die bereits in der Oligopoltheorie , eine wichtige Rolle spielt. Was Stackelberg nur auf Märkte angewandt hat, lässt sich auch auf politische Entscheidungsprozesse übertragen. Es geht ja hier vorrangig um Entscheidungen von mehreren Akteuren wie Regierungen. Die entscheidende Frage ist dabei allerdings, wie kann man strategische Dominanz gegenüber anderen Akteuren bzw. Spielern erreichen?
Nun wird oftmals unterstellt, dass ein dominanter Spieler durch die Festlegung seiner Handlung zwangsläufig die anderen Akteure dazu zwingt sich den dadurch gesetzten Rahmenbedingungen anzupassen. Es entsteht eine sogenannte Leader-Follower-Relationship. Der Anführer gibt seine Entscheidung bekannt und ist auch bereit und in der Lage sie durchzuhalten.

Ein Beispiel hierfür könnte beispielsweise die Strategie der Zentralbanken im Rahmen von foreward guidance sein. Mithin verläuft im üblichen Stackelberg-Spiel der Entscheidungsprozess zweistufig. Der Leader, hier die Zentralbank, verkündet, dass sie die Zinsen dauerhaft, d.h. noch Jahre niedrig halten wird. Damit committen, d.h. bindet, sie sich im Zuge der Selbstbindung ihr geldpolitisches Instrument, den Leitzinssatz, nicht über den besagten Zeitraum zu verändern. Ist diese Selbstbindung der Zentralbanken glaubwürdig, d.h. die anderen sehen darin nicht eine bewusste Täuschung, dann richten sie ihre Handlungen entsprechend dieser Vorgabe der Zentralbank aus. Die Zentralbanken agieren also im Sinne der Spieltheorie als dominante Spieler, die durch ihre Selbstbindung die anderen dazu zwingen, sich diesen Vorgaben beim Leitzins anzupassen. Mithin unterstellt die klassische Stackelberg-Lösung eine aktive Führerschaft des dominanten Spielers.

Es kann aber auch andersherum eine strategische Dominanz geben, wenn der dominante Spieler, wie in dem zuvor genannten Beispiel die Kanzlerin einen strategischen Vorteil hat, in dem sie durch Prokrastination, d.h. Handlungsverzicht, andere die unter einem größeren Handlungsdruck stehen sich in ihren Entscheidungen zu offenbaren. Wenn ich aber die möglichen Handlungen meiner Mitspieler kenne, kann ich daraus einen strategischen Vorteil ziehen. Das wird ausführlich im Rahmen der bargaining theory analysiert.

Um aber dem Gefangenen-Dilemma einer nicht-kooperativen Nash-Lösung zu entgehen, müssen die anderen Spieler um die Kooperation des dominanten Spielers werben. Nur kooperative Lösungen mit dem dominanten Spieler können den anderen schwächeren Spielern im Zuge einer kooperativen Lösung mit dem dominanten einen größeren Gewinn erreichen lassen. Man ist auf Gedeih oder Verderb in dessen Hand gegeben weil dieser nicht unmittelbar zum Handeln gezwungen ist.

Der strategische Vorteil besteht also für die strategische Dominanz darin, dass man durch Nichtstun die anderen Akteure in Zugzwang versetzt. Prokrastination à la Merkel ist genau das. Sie muss nicht durch Führerschaft, leadership, die anderen Akteure zu einer Kooperation zwingen, sondern genau durch das Gegenteil durch Handlungsverzicht, die anderen zu Zugeständnissen bringen.

Wer Zeit auf seiner Seite hat, kann andere, die unter Zeitdruck stehen, strategisch dominieren. Das ist genau Merkels Methode der leadership from behind.
Weil die deutsche Wirtschaft relativ zu denen der anderen Länder der Eurozone in einem vergleichsweise günstigen Zustand ist, muss man nicht auf deren Drängen jetzt sofort etwas in deren Sinne zu tun auch reagieren. Wegen des dort bestehenden Handlungsdrucks, kann der dominante Spieler daher die anderen Akteure zu Zugeständnissen in Form von Seitenzahlungen oder anderen strategischen Zugeständnissen bezüglich Handlungsoptionen zwingen. Hier liegt die Stackelberg-Lösung nicht in der aktiven Rolle der Führerschaft, sondern in genau dem Gegenteil, dem Handlungsverzicht. Es ist also quasi die duale Form der klassischen Stackelberg-Lösung. Dual meint hier, dass anstelle der Vorgabe der eignen Handlung durch genau dessen Verzicht, die dominante Verhandlungsmacht besteht. Statt die eigene Handlung vorzugeben, verzichtet der dominante Spieler darauf und zwingt die anderen in eine für ihn günstige kooperative Lösung. Die muss immer noch für diese günstiger als eine nicht-kooperative Nash-Lösung sein, aber stellt den Hegemon auch deutlich besser als bei einer aktiven Stackelberg-Lösung.

Wer die Zeit auf seiner Seite hat – time is on my side -, d.h. nicht handeln muss, hat gegenüber denjenigen die handeln müssen, einen entscheidenden strategischen Vorteil. Prokrastination ist genau eine Umschreibung eines solchen strategischen Vorgehens.

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