Konjunktur in Deutschland: Es kommt noch dicker

Die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute hat die Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft gegenüber der des Frühjahrs deutlich zurückgenommen. Dem werden wohl auch die noch ausstehenden Prognosen des Sachverständigenrates im November folgen. Die Wachstumsschätzer sind mal wieder etwas ratlos. Bejubelte man noch im Frühjahr einen kräftigen Aufschwung, so ist die Stimmung von Dur in Moll umgeschlagen.

Ein Stakkato von schlechten Wirtschaftsnachrichten des Statistischen Bundesamtes über deutliche Einbrüche beim Auftragseingang der Industrie , ein Rückgang der Industrieproduktion und bei den Exporten im Monat August hat den Optimismus rasch verfliegen lassen. Nachdem bereits zuvor der Ifo-Konjunkturindikator zum fünften Male ebenfalls rückläufig war , bricht nun auch noch der ZEW-Index ebenfalls ein und erreicht schon einen negativen Wert.

Mithin geht das unschöne R-Wort, d.h. Rezession um. Da das zweite Quartal in diesem Jahr bereits mit -0,2% ein negatives Vorzeichen hatte, ist es unschwer zu erraten, dass dies wohl auch im dritten nach den bereits für Juli und August vorliegenden Zahlen – der September steht noch aus – so sein könnte. Dann wäre Deutschland nach der üblichen Betrachtungsweise bereits jetzt in der Rezession, aber hätte dies bisher statistisch betrachtet noch nicht bemerkt. Erst wenn das Bundesamt die Zahlen im November 2014 verkündet hat, wird man es amtlich wissen.

Jetzt ist das Geschrei im In- und Ausland groß und es wird fieberhaft nach Schuldigen gesucht. Jetzt sollen es die „Reförmchen“ der Bundesregierung zu Mütterrente, Mindestlohn und Frühverrentung mit 63-Jahren gewesen sein. Das ist allerdings absurd.

Konjunkturell wirkt sich bisher nur die Mütterrente seit Mitte dieses Jahres aus. Diese dürfte eigentlich zunächst eher positiv auf die Binnennachfrage wirken, denn wenn Rentenrinnen ein paar Euro mehr im Portemonnaie haben, werden sie diese ja wahrscheinlich so oder so auf den Kopf hauen. Sparen für die Enkel lohnt ja dank Draghi‘s Nullzinspolitik nicht mehr. Und dadurch bricht die Konjunktur in Deutschland ein? Schlichtweg absurd.

Der Mindestlohn hat noch gar nicht stattgefunden. Er beginnt erst ab Januar 2015 und wird flächendecken abzüglich der Ausnahmen erst 2017 vollständig wirksam. Mithin könnte es sich derzeit nur um einige Vorzieheffekte wie beispielsweise die Entlassungen bei Kaufland handeln. Aber auch diese dürften kaum ausreichen, um die Binnennachfrage wesentlich zu schwächen. Kommt der Mindestlohn ab 2015 dürfte er eher nachfragesteigernd sich bemerkbar machen, da ja die bisherigen Geringverdiener mehr Geld in der Tasche haben. Allerdings könnten einige Jobs verloren gehen, die dann aber letztendlich durch die sozialen Sicherungssysteme aufgefangen werden, d.h. wirtschaftlich auch nicht vor dem Nichts stehen.

Was am Ende als Nettoeffekt beim Mindestlohn an Einkommens- und Beschäftigungseffekten herauskommt wird erst die Zukunft zeigen. Die Neunmalklugen wissen natürlich schon genau was passiert ist und wird. Mit Friedrich A. Hayek ist denen entgegenzuhalten, dass sie hier mal wieder mit einer Anmaßung von Wissen operieren. Gerade die Wirtschaftsschätzer haben ja mal wieder in diesem Jahr grandios versagt, aber sie kennen natürlich sofort die Ursache für ihr Versagen. Die Regierung war’s. Dümmer geht’s nicht.

Auch hier spielt derzeit noch die Zukunftsmusik, denn es können ja nur Jahrgänge die das 63zigste Lebensjahr erreicht haben, einen solchen Antrag stellen. Mithin betrifft dies den Jahrgang 1952, der 2015 das 63. Lebensjahr erreichen wird. Schaut man auf die Bevölkerungspyramide für Deutschland, dann wird klar, dass dieser Jahrgang noch recht schwach besetzt ist. Hinzu kommt eben die Bedingung, dass man 45 Jahre Beiträge geleistet haben muss und nicht wie die besser Qualifizierten die ein Abitur oder gar Hochschulstudium absolviert habe, aufgrund der Aberkennung dieser Ausbildungszeiten als Beitragsjahre bereits de jure von dieser Regelung ausgeschlossen sind. Die Beitragsdauer von 45 Jahren erfordert ja , dass man ab dem 18. Lebensjahr ununterbrochen Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung geleistet hat. Das dürfte jedoch insbesondere auch Frauen schwer fallen, die in aller Regel eine gebrochene Erwerbsbiographie aufzuweisen haben. Mithin kann hiervon ebenfalls noch kein negativer Effekt auf die deutsche Konjunktur ausgegangen sein. Die Finanzierung dieser Sozialleistungen erfolgt ja derzeit auch noch aus den übervollen Kassen der Deutschen Rentenversicherung, d.h. auch hier wird eher bis 2017 mit positiven Nachfrageffekten, denn mit negativen auf die Konjunktur zu rechnen sein. Mithin ist das alles nur eine unseriöse Begleitmusik zu einem ernsteren Problem.

Globale Wachstumsschwäche

Die Weltkonjunktur macht schlapp. Deutschland als eines der exportstärksten Länder bekommt dies natürlich auch sofort sehr viel stärker zu spüren als Länder, die weniger stark in die Weltwirtschaft eingebunden sind. Bei einer Exportquote der deutschen Wirtschaft von über 50% muss es niemandem verwundern, dass man zum Gefangenen der Weltkonjunktur geworden ist.

Mithin gibt es zwei wesentliche Wirkungskanäle. Die Binnenkonjunktur und die Weltkonjunktur und damit deren Folgen für den deutschen Außenhandel. Da Deutschland viel zu klein ist, um maßgeblich die Weltkonjunktur prägen zu können, sind es andere Player wie China, die zuletzt rund 45% des weltweiten Wachstums generiert haben, die USA, die ebenfalls einer der key player der Weltkonjunktur sind und nicht zuletzt die diversen Krisen wie der in der Ukraine, die zu umfassenden Sanktionen gegenüber Russland – einem wichtigen Handelspartner Deutschland -, dem Nahen und Mittleren Osten – man denke nur an den Irak und Syrien, aber auch Libyen, Ägypten aber auch die Türkei – einem weiteren wichtigen Handelspartner Deutschlands. All diese Länder erleben massive soziale Konflikte bis hin zum offenen Bürgerkrieg.

Hinzu kommen die indirekten negativen Effekte insbesondere auf die osteuropäischen Staaten im Zuge der Sanktionspolitik gegenüber Russland, da sie relativ betrachtet noch sehr viel stärker mit Russland wirtschaftlich verflochten sind bzw. waren.

In Westeuropa stockt die Konjunktur wegen des Konsolidierungszwangs aufgrund der zu üppigen Ausgaben während der Boom-Jahre. Nun sind auch noch Frankreich und Italien von einer Rezession bzw. langandauernden Stagnation bedroht. All dies sind wichtige Handelspartner Deutschland und lassen sinkende Außenhandelsumsätze erwarten. Mithin dürfte genau dies der entscheidende Faktor für die derzeit auch in Deutschland stattfindende milde Rezession sein. Allerdings ist es eben auch das Szenario einer langandauernden Stagnation der europäischen Wirtschaft, dass die Lage auch in Deutschland wenig rosig aussehen lässt.

Hiergegen kann die deutsche Wirtschaftspolitik nur sehr bedingt etwas tun. Besonders töricht ist es, jetzt nach Investitionen zu Schrein, wie es derzeit allgemein in Mode gekommen ist. Schließlich krankt ja die Weltwirtschaft gerade an Überkapazitäten, d.h. Produktionspotentialen, die nicht ausgelastet werden können. Wer in dieser Lage noch zusätzliche Kapazitäten schafft, der kann sich nur auf einen ruinösen Verdrängungswettbewerb einlassen.

Nur wer in einem solchen Wettbewerb andere potentielle Wettbewerber erfolgreich vom Markt verdrängen könnte, kann ja letztendlich seinen Marktanteil vergrößern. Investitionen allein schaffen ja noch keine nachhaltige Nachfrage. Mithin wollen unsere superschlauen Ökonomen aus Wirtschaft und Politik jetzt das Feuer Rezession löschen, in dem sie noch Öl hineinschütten. Wo keine nachhaltiger effektiver Nachfrageanstieg existiert, nützen Produktionskapazitäten gar nichts, sondern schaden nur.

Den hydraulischen Monetaristen à la Draghi sei ins Stammbuch geschrieben, dass sie auch nicht die Realwirtschaft verstanden haben. Billiges Geld allein macht auch noch kein Wirtschaftswachstum. Letztendlich kann man die makroökonomische Investitionsfunktion im Y-r-Diagramm – wobei Y für das Bruttoinlandsprodukt und r für den Realzinssatz stehen – als zweistufiges Entscheidungsproblem interpretieren. Wenn es eine entsprechend hohe effektive Nachfrage gibt, dann und nur dann lohnt es sich auch dafür die entsprechenden Produktionskapazitäten zu schaffen. Ohne Nachfrage keine Auslastung von Produktionskapazitäten und ohne nachhaltig steigende Nachfrage auch keine Investitionen. Die Zinsen sind dann bei der Finanzierung solcher Investitionen nur akzidentiell, d.h. erst dann spielen sie eine Rolle, wenn es um Fremdfinanzierung von Investitionen geht. Vorher sind sie irrelevant und keine bindende Restriktion für Wirtschaftswachstum. Aber solche Subtilitäten des Unterschieds zwischen Realwirtschaft und Geldwirtschaft verschließen sich natürlich Leuten, die auf Knopfdruck Milliarden oder gar Billionen Giralgeld schaffen können. Sie glauben weiterhin unverbrüchlich an die Macht des Geldes.

Dumm nur, dass die Investoren der Realwirtschaft da anders ticken. Die sitzen bereits auf gewaltigen Bargeldbeständen und wisse nicht wohin damit ohne ihre eigenen Gewinne zu kanibalisieren. Geld verschwindet nicht, aber es landet nur in den falschen Taschen. Die Konsumenten haben offenbar zu wenig davon, um zusätzliche Nachfrage zu schaffen, die Produzenten haben zu viel davon, aber können es wegen fehlender Nachfrage nicht investieren. So wird ein Schuh draus. Die gegenwärtige Debatte sollte vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Nicht à la Say – supply creates its own demand gilt, sondern Keynes demand creates its own supply. Wann begreifen das denn endlich mal die Angebotstheoretiker? Offenbar kann man nur konstatieren: “You cannot teach old dogs new tricks.“

Insofern hat die Bundesregierung einige zaghafte Schritte in die richtige Richtung gemacht, und … wird dafür noch an den Pranger gestellt. Dümmer geht’s nicht.

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5 Gedanken zu „Konjunktur in Deutschland: Es kommt noch dicker

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