Zeitungssterben und das Internet – Vom Nachrichtenmagazin zur Boulevardpresse?

Bekanntlich sind old news, no news. Das Internet hat zu einer massiven Beschleunigung der Verbreitung von Nachrichten beigetragen. Die Zeitungen haben darauf reagiert und einen Teil ihrer Nachrichten ins Internet gestellt. Solange die Zahl der Internetnutzer gering war, war das kein so großes Problem. Mit der fast vollständigen Durchdringung der Leserschaft der Zeitungen, die gleichzeitig auch einen Internet-Zugang haben und diesen auch regelmäßig nutzen, um dort aktuelle Nachrichten zu verfolgen, zeigt sich jedoch das gravierende Problem bei den Presseverlagen. Zum einen hat man eine Kostenloskultur auf dem Nachrichtenmarkt gefördert, die die Abonnentenzahlen der zahlungswilligen Leser der Print-Ausgaben drastisch schrumpfen ließ. Hinzu kam die parallel dazu verlaufende Abwanderung der Werbung in das Internet. Damit sanken gleichzeitig auch die Werbeeinnahmen der Verlage. Auch mit Annoncen wie beispielsweise für den Stellenmarkt, den Wohnungsmarkt oder Gebrauchtwagenmarkt lässt sich heute nicht mehr bei Printmedien viel Geld verdienen. Also was tun?

Das Zeitungssterben der zurückliegenden Jahre hat bereits dazu geführt, dass immer mehr kleinere Regionalzeitungen aufgeben mussten oder von den großen überregionalen Verlagen geschluckt wurden. Der Teil, der überregional war, wurde dann von deren Redaktionen übernommen, um insbesondere die kostspieligen Redaktionsmitarbeiter weiterhin finanzieren zu können. Viele ehemals festangestellte Journalisten müssen sich als schlechtbezahlte freelancer durchschlagen. Wie beim Stuhltanz schrumpft trotzdem weiterhin weltweit die Zahl der unabhängigen Zeitungen. Gerade jetzt streicht die französische Liberale Zeitung Libération jede dritte Stelle, um wirtschaftlich überleben zu können. Beim Spiegel fliegen derzeit die Fetzen, weil eine Zusammenlegung der Online Redaktion mit der der Print-Ausgabe vollzogen werden soll. Das ist jedoch nicht nur ein ökonomisches Problem, sondern ein Clash of Cultures.

Online Medien arbeiten völlig anders als Print-Medien. Erstere sammeln ja kontinuierlich die eingehenden Meldungen der Presseagenturen und formulieren die dortigen Pressemitteilungen geringfügig um und ergänzen sie teilweise durch Informationen, die sich durch Nachrichtensuche mittels Suchmaschinen hinzufügen lassen. Manchmal ist es nur Cut-and-Paste-Journalismus, der einfach die Pressemitteilung noch etwas zusammenstreicht und als Nachricht Online stellt. Zeit für Reflektionen und Überprüfungen der Nachrichten bleibt da kaum. Das Netzwerk der Auslandskorrespondenten wird auch immer mehr ausgedünnt und greift stattdessen auf von verschiedenen Quellen ins Internet gepostete Informationen zu, die auch bewusst für Propagandazwecke oder als Falschmeldungen anzusehen sind. Weil es keine verlässlichen Quellen mehr gibt, tragen auch die bisher seriösen Medien zur Propaganda und Desinformation zu einem nicht unerheblichen Teil der breiten Öffentlichkeit bei.

Daniel Kahneman, ein Verhaltensökonom und Nobelpreisträger für Ökonomie, hat in seinem Buch über schnelles und langsames Denken darauf aufmerksam gemacht, dass unser Gehirn gleichsam in zwei Geschwindigkeiten arbeitet. Das eine ist auf schnelle Reaktionen programmiert, das andere nimmt sich bewusst Zeit Informationen gründlicher in Kombination mit anderem gespeicherten Wissen zu verarbeiten und zu reflektieren. Letzteres wird jedoch in der High-speed-Internet-Kultur immer weniger sowohl von der Angebotsseite als auch von der Nachfrage gefordert und gefördert. Das führt natürlich auch zu veränderten Denkgewohnheiten.

Schneller, kürzer und visueller werden Informationen immer mehr dazu benutzt um wie Jeremy Rifkin es nannte, den Kampf um die Augäpfel zu gewinnen. Sensationspresse gab es schon immer, aber sie bediente eben ein bestimmtes Publikum. Jetzt erreicht aber dieser Trend auch die Redaktionen der bisher seriösen Zeitungen und Nachrichtenmagazine. Die FAZ plant derzeit einen Personalabbau von 200 Mitarbeitern, die auch die Redaktionen betreffen werden. Zuvor waren bereits die Financial Times Deutschland eingestellt und die Frankfurter Rundschau von der FAZ übernommen worden.
Letztendlich schwindet in diesem Konzentrationsprozess der Zeitungen und Nachrichtenmagazine ein wesentliches Element was Presse im Zuge der Pressfreiheit auch laut Grundgesetz sicherstellen sollte, die Meinungsvielfalt. Wer seine Meinung über eine größere Anzahl von Zeitungen, die längst uniform den jeweiligen Beitrag veröffentlichen kann, hat großen Einfluss auf die öffentliche Meinung. Wird zum Meinungsführer. Diejenigen, die davon ausgeschlossen sind oder werden, haben ihn nicht. Statt gründlicher Recherche durch qualifizierte Journalisten werden immer mehr Interviews von Medienstars publiziert.

Journalisten werden so immer mehr zu Conférenciers von diesen gemacht, denn nur noch der Name des Interviewpartners zählt.
Kritischer Journalismus wird stattdessen zur Mangelware. Infotainment regiert oder wie es Neil Postman einmal formulierte: Wir amüsieren uns zu Tode. Nur mit den damit letztendlich auftretenden Folgen müssen wir dann auch fertig werden. Wer unmündige Bürger kreiert muss sich um deren Desinteresse an gesellschaftspolitischen Fragen nicht wundern. Die aktuellen Wahlergebnisse der drei Landtagswahlen zeigen es deutlich. Die Mehrheit der Bürger hat bereits auf den Abschaltknopf gedrückt. Man ist den ewigen Medienspam satt.

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