Rankings und Zahlengläubigkeit

In diesem Jahr haben einige Skandale über manipulierte Rankings die Öffentlichkeit in Deutschland aufgeschreckt. So hat der ADAC bei Erstellung seines Rankings zur Verleihung des Gelben-Engels die Daten zugunsten einiger deutscher Automobilhersteller manipuliert. Dies war nicht nur ein einmaliger Vorfall, sondern schon jahrelang geübte Praxis. Auch das ZDF musste vor kurzem eingestehen, dass für die die Sendung „Deutschlands Beste!“ die Rangfolge manipuliert worden war. Das wirft natürlich Fragen auf wie hoch die Dunkelziffer bei solchen immer wieder in den Medien veröffentlichten Rankings ist. Es ist ja eine „Rankeritis“ ausgebrochen, die offenbar dem Bedürfnis eines breiten Publikums entspricht, Alles und Jedes in eine Rangfolge zu bringen und dann den Sieger bzw. die Siegerin mit einem Superlativ belegen zu können. Der Größte, der Schnellste, der Höchste, der Klügste, der Beliebteste und dergleichen mehr.
Offenbar bedienen sich diverse Institutionen dieser Methoden, die ja auch als Marketinginstrument oftmals einen durchaus bedeutsamen wirtschaftlichen Wert haben. Wer bei solchen Rankings ganz weit oben steht, der gilt eben in der jeweiligen Kategorie als Topstar und sei es nur beim Wettbewerb des Kirschkernspuckens, der seinen Weltmeister kreiert. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang auch von Statusgütern. Offenbar sind Menschen geneigt sich einen besonderen Status zu erwerben, in dem sie in irgendeiner Aktivität eine besonders herausragende Leistung erbringen (Stichwort: Guinnessbuch der Rekorde). Die Inflation von solchen Wettbewerben und nach irgendwelchen dubiosen ermittelten Rangfolgen hat in den zurückliegenden Jahren rasant zugenommen. Da man damit eben auch Werbung betreiben kann, hat dies auch seinen Preis und fördert implizit natürlich auch die Neigung solche Rankings zu manipulieren.

Ein weiterer Aspekt ist, dass man scheinbar oftmals unvergleichbares eindimensional vergleichbar macht. Die schönste Stadt der Welt dürfte je nach Geschmack des einzelnen Betrachters durchaus völlig anders ausfallen. Es sind subjektive Wahrnehmungen. Was nützt es aber solche subjektiven Wertschätzungen in irgendeiner Form auf einen kollektiven Durchschnitt umzurechnen? Wird es meine Wahrnehmung fundamental ändern, wenn mir Berlin, London oder New York besonders gut gefällt, wenn ich weiß, dass im Durchschnitt einer meist willkürlich befragten Gesamtheit eine dieser Städte beliebter ist? Ändert das mein subjektives Urteil? Ich hoffe eigentlich nicht oder streben wir alle danach Otto-Normalverbraucher zu sein?

Zahlen insbesondere Rangzahlen in Rankings sagen ja auch nichts über den tatsächlichen Abstand zwischen den in eine Rangfolge gebrachten Personen, Ereignissen oder Produkten aus. In der Mathematik spricht man da ja auch von einer ordinalen Metrik, d.h. auch wenn die Abstände extrem klein oder auch groß sind, bleibt die Rangfolge unverändert. Das verführt zu einer gefährlichen Zahlengläubigkeit. Zum einen werden oft willkürlich Dinge miteinander verglichen, die eigentlich unvergleichbar sind, d.h. Äpfel mit Birnen. Zum anderen sind die Unterschiede – falls eine kardinale Abstandsmessung möglich ist – durch Rangfolgen oftmals unwesentlich auch wenn ein Produkt den ersten Platz bei einer Produktbewertung gegenüber anderen erzielt hat. Je komplexer die Objekte der Studie sind, desto schwieriger wird es sie in eine objektive hierarchische Rangfolge zu bringen, da meist die Vor- und Nachteile durchaus nicht monoton zugunsten eines einzelnen Produkts verteilt sind. Meist haben andere Vorteile, die aber ein geringes Gewicht in der Zusammengewichtung haben. Hier spielen dann wieder die jeweils gewählten Gewichtungsfaktoren eine zentrale Rolle.

Mithin sollte man sich doch etwas zurückhaltender gegenüber solchen Stimmungsmachern mittels Rankings verhalten. Gerade die jetzt bekannt gewordenen Skandale von scheinbar seriösen Institutionen zeigen, dass nicht alles Gold ist was glänzt. Vielleicht sollte man den Bürgern mehr eigene Urteilskraft zutrauen, in dem man nicht versucht alles beliebig miteinander scheinbar onjektiv vergleichbar zu machen. Wer also eine gesunde Skepsis gegenüber der grassierenden „Rankeritis“ entwickelt, dürfte besser vor solchen Manipulationsversuchen geschützt sein. Letztendlich gilt: Weniger Rankings ist mehr und die sollten auch für andere externe Beobachter nachvollziehbar sein. Intransparenz ist ja gerade die Quelle von Manipulationen.

Ich jedenfalls werde auf die Frage, ob ich Goethe, Einstein oder Beethoven für den größten Deutschen halte, weiterhin beharrlich eine Antwort verweigern. Ich halte solche Frage von sinnlos. Das hätte das ZDF auch ohne die Manipulation des Rankings vorher erkennen können. Manchmal hilft ja schon ein wenig Nachdenken.

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