Russlands Misere: Wie Putin das Land gegen die Wand fährt

Ein Land lebt oftmals mehr von Legenden in de n Köpfen seiner Bewohner als in der Realität insbesondere wenn es um wirtschaftliche Fakten geht. Ökonomie, die im Wesentlichen darin besteht eine Übereinstimmung zwischen Einnahmen und Ausgaben eines Staates, von Unternehmen sowie Haushalten herzustellen, hat sich wegen dieser unnachgiebigen Haltung die Finanzen nachhaltig in Ordnung zu bringen oder zu behalten auch den Namen dismail science im 19. Jahrhundert von Thomas Carlyle eingebrockt. Man hat immer wieder Politiker, Unternehmer und Haushalte mit dieser Regel der nachhaltigen Tragfähigkeit zwischen Ausgaben und Einnahmen auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt. Erich Schneider hat es mit den Worten umschrieben, dass die Menschen unter dem kalten Stern der Knappheit leben, weil oftmals die Wünsche mehr auszugeben als man hat, mit dem Problem der Finanzierung nicht in Einklang zu bringen ist. David Stockman, der damalige Budget Direktor von Ronald Reagan, hat eine Finanzpolitik, die diese Bedingungen nicht einhält auch als Voodoo Economics angeprangert.
Es klingt daher fast wie eine Ironie der Geschichte, wenn man jetzt Wladimir Putin als Ronald Reagan Russlands betiteln könnte. Mit seiner expansiven Politik, um Russlands Größe als Weltmacht entsprechend seinen Visionen zu fördern, geraten zunehmend die russischen Staatsfinanzen außer Kontrolle. Es mag niemanden in Russland trösten, wenn man dies nicht nur für Russland konstatieren kann, sondern auch zahlreichen anderen Ländern weltweit droht. Griechenland, Argentinien, Bulgarien sind aktuell nur die Spitze des Eisbergs.
Dabei nimmt Putin gerne für sich in Anspruch Russland von der letzten Pleite im Jahr 1998 wieder zu Wohlstand und wirtschaftlicher Prosperität geführt zu haben. Durch die quasi Renationalisierung der Öl- und Gaskonzerne wurde eine seither kräftig sprudelnde Einnahmequelle des russischen Staates erschlossen. Aus den reichlichen Einnahmen aufgrund hoher Energiepreise an den Weltmärkten der zurückliegenden Jahre konnte auch die marode Öl- und Gasindustrie Russlands schrittweise modernisiert werden. Dabei waren zunächst insbesondere auch westlichen Energiekonzerne behilflich, die man jedoch zunehmend aus dem Geschäft mit Russland herausgedrängt hat. Man wollte nicht teilen, sondern alles für sich haben.
Aufgrund dieser Entwicklungen konnte Russland auch wieder seinen Zahlungsverpflichtungen seiner Bürger nachkommen und Renten, Gehälter und Sozialleistungen wieder erbringen, die in den chaotischen Jahren unter Jelzin in großen Teilen einfach eingestellt wurden. Im Jahr 1998 folgte dann der de facto Bankrott Russlands. Ohne die Hilfe der westlichen Staaten wäre Russland in einen politisch-wirtschaftlichen Strudel des weiteren Niedergangs gerissen worden.
Allerdings gehört es eben auch zur Putin-Legende diesen Erfolg allein Putin und seiner autokratischen Herrschaft zuzurechnen. Den Beitrag, den insbesondere auch der Westen zur Stabilisierung der Lage Russlands geleistet hat, wird einfach unter den Tisch gekehrt. In der verhaltensökonomischen Analyse bezeichnet man dies auch als Self-Attribution Bias , d.h. man erliegt der Illusion, dass Erfolge der eigenen Leistung und den eigenen Fähigkeiten zuzurechnen ist. Ein fataler Irrtum, denn wenn es plötzlich schlechter läuft als erwartet, dann beruft man sich gerne auf ungünstige Umstände. Man ist dann eben nur Opfer der Verhältnisse. Es liegt nicht an den eigenen Fehlentscheidungen der Vergangenheit. Die Methode der Selbstüberschätzung und des Herausredens, wenn die zuvor verkündeten Ziele sich als unerreichbar erweisen, gehören zum festen Repertoire aller Manager und Spitzenpolitiker – findet sich aber auch bei Otto Normalverbraucher. Menschliches allzu menschliches eben.
In dem Putin insbesondere Gazprom und Rosneft unter seine Kontrolle brachte und den Export nach Europa insbesondere auch Deutschland deutlich steigerte, hatte er eine scheinbar ewig sprudelnde Einnahmequelle. Allerdings gibt es ein prinzipielles Problem. Russlands Stärke ruht im Wesentlichen wie die beispielsweise auch Saudi Arabiens und der Golfstaaten auf diesen Einnahmen. Aber auch für Russland gilt Öl und Gas sind erschöpfbare Ressourcen, die nicht ewig sprudeln. Üblicherweise ist der Verlauf bei der Förderung bei einem Ölfeld ein zunächst kontinuierlicher Anstieg, der irgendwann seinen Gipfel erreicht und danach stetig rückläufig, man nennt dies auch peak-oil oder peak-gas. Dies gilt natürlich auch für die Summe aller Öl- oder Gasquellen. Sofern nicht neue Erdöl- und Erdgasfelder entdeckt werden, verläuft dies selbst im globalen Maßstab so. Es ist allgemein unstrittig, dass trotz neuer Entdeckungen insgesamt diese nicht ausreichen diesen globalen Trend zu stoppen. Für Russland lag bereits der Fördergipfel beim Erdöl im Jahr 1987 und für die USA im Jahr 1970. Nach der aktuellsten Tabelle von BP lassen sich die einzelnen Länder in Pre- und Post-Peak Länder bei der Ölförderung aufgliedern. Russland hat trotz der Steigerung der Ölförderung der zurückliegenden Jahre, in denen Putin und Medwedjew im Amt waren, nicht vermocht wieder die Spitzenwerte des Jahre 1987 zu überschreiten.
Gleichzeitig bedeutet auch eine zwischenzeitliche Steigerung der Förderung, dass die Geschwindigkeit mit der die vorhandenen Bestände versiegen werden, deutlich zunimmt. Man lebt eben von der Substanz. Das Dilemma ist eben je mehr ich jetzt meine Bestände ausbeute desto weniger habe danach zur Verfügung (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1 – Peak-Oil nach Ländern ohne Fracking und Tight Gas , 1930 – 2050.
GlobalPeakOilForecast
Nun gibt es neben den konventionellen Fördermethoden neue Fördertechniken, wie die Förderung in der Tiefsee oder eben auch Fracking. Wie aber der verheerende Unfall von Deep Water Horizon gezeigt, hat ist die Förderung aus der Tiefsee ein hochriskantes und teures Unterfangen. Nach diesem Unfall haben daher die USA sich eben als Alternative für Fracking entschieden. Ob die damit verbundenen Risiken für eine nachhaltige Schädigung der Umwelt geringer ausfallen werden, wird von zahlreichen Experten bezweifelt.
Trotzdem wollen die USA jetzt mittels Fracking in den kommenden Jahren nicht nur unabhängig von Energieimporten werden, sondern zu einem der weltweit größten Exporteure aufsteigen. Sie ist derzeit die einzige Öl- und Gasfördertechnikzusamen mit Tight Gas, die noch nicht den Gipfel erreicht hat (siehe Abbildung 2).
Abbildung 2 – Erdgas-Produktion der USA nach Förderarten, Shale Gas = Fracking, 1990 – 2040.
US_Natural_Gas_Production_1990-2040

Russlands Problem besteht nun darin, dass aufgrund des aktuell damit einhergehenden Preisverfalls bei Erdöl und Gas die Einnahmen für Russland schrumpfen. Die Exporteinnahmen ins Ausland stagnieren seit einigen Jahren. Durch die zuletzt mit China abgeschlossenen langfristigen Lieferverträge bei Erdgas hofft man auf zusätzliche Einnahmen. Allerdings droht ihm gleichzeitig die Stammkundschaft in Europa abhanden zu kommen. Durch das wiederholte Drohen den Gashahn nach Europa zuzudrehen, ist den Europäern Russland als Lieferant zu riskant geworden – zumal Putin damit politische Zugeständnisse wie jetzt bei der Ukrainefrage erzwingen möchte. Plötzlich plädiert sogar der scheidende Nato-Generalsekretär Rasmussen für Fracking als Alternative zur Abhängigkeit von Russland.
Jedes Ding hat eben zwei Seiten, wer seine Kunden bedroht, muss damit rechnen, dass sie ihm davonlaufen. Insbesondere Deutschland hat mit seiner Energiewende und damit Hinwendung zu erneuerbaren Energien sich langfristig dazu entschieden sich von Energieimporten und nicht-erneuerbaren Energieträgern unabhängiger zu machen (siehe Abbildung 3). Dabei wurde Fracking in der EU unberücksichtigt gelassen.
Abbildung 3 – Importabhängigkeit der EU bei Erdgas, 1990 – 2030.
Erdgas EU Importe 2030
Hinzu kommen jetzt insbesondere die USA, die sich darum bemühen anstelle Russlands Europa mit Öl und Gas zu versorgen. Damit könnte man rasch auch das Handelsbilanzdefizit der USA abbauen und damit auch weniger von einer Fremdfinanzierung der Staatsverschuldung abhängig werden. Schließlich ist China der größte Gläubiger und gleichzeitig Rivale der USA. Von daher ist Fracking in den USA Chefsache, d.h. Obama hat sein ganzes politisches Gewicht darin investiert. Klar ist aber auch, dass trotz dieser neuen Fördertechnologien dies nur eine Brückentechnologie hin zu erneuerbaren Energien sein kann.
Derzeit würde sie jedenfalls die USA – sieht man von den ökologischen Spätfolgen einmal ab – von einer ganzen Reihe von Problemen befreien. Energieautarkie – und damit größere Spielräume sich nicht mehr in Abenteuer wie den Irakkrieg stürzen zu müssen – Abbau der Handels- und Leistungsbilanzdefizite der USA und damit größere Spielräume insbesondere auch gegenüber China und anderen Ländern, die derzeit das doppelte Defizit aus Leistungsbilanz- und Staatshaushalt finanzieren. Zugleich könnte man Westeuropäer enger an sich binden, wenn diese nicht mehr von russischen Energielieferungen, sondern amerikanisch-kanadischen abhängig wären.
Aber zurück zu Russland. Käme es zu einem solchen Wechsel weg von Russland, dann stünde Putin vor einem wirtschaftlichen Debakel. Weder hätte er dann noch genügend Einnahmen für seine expansive Rüstungspolitik, denn die Rüstungsindustrie spielt trotz großer Exporte – Russland ist hier allerdings mit deutlichem Abstand die Nummer 2 nach den USA – keine ausreichende Rolle, um sich selbst zu tragen, noch könnte er den Sozialstaat wie bisher der russischen Bevölkerung finanzieren. Eine interessante aktuelle Untersuchung über die Fiskallücke Russlands von Kotlikoff und anderen Autoren aus dem vergangenen Jahr kommt zu einem für Russland erschreckenden Ergebnis.
„This study estimates Russia’s 2013 fiscal gap at 890 trillion rubles or $28 trillion. This long-term budget shortfall is 8.4 percent of the present value of projected GDP. Consequently, eliminating Russia’s fiscal gap on a smooth basis requires fiscal tightening by 8.4 percent of each future year’s projected GDP.
One means of doing this is to immediately and permanently raise all Russian taxes by 29 percent. Another is to immediately and permanently cut all spending, apart from servicing outstanding debt, by 22.4 percent.
How can a country with vast energy resources and foreign reserves and other financial assets that exceed its official debt still have very major fiscal problems? The answer is that the Russia’s energy resources are finite, whereas its expenditure needs are not. Moreover, Russia is aging and facing massive obligations from its pension system and other age related expenditures.”
Russland hat eben auch wie die anderen europäische Länder eine rapide alternde Bevölkerung, die mit entsprechenden Kosten für deren Versorgung verbunden ist. Eigentlich sind die Sozialleistungen bereits jetzt nicht mehr finanzierbar, die derzeit durch vergangene Erdöl- und Erdgaseinnahmen noch flüssige Staatskasse verdeckt das Problem vorübergehend. In der Kombination mit einer expansiven militärischen Expansionspolitik – die Krim kommt bereits jetzt Russland teuer zu stehen – und sowieso langfristig sinken Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft plus dem Risiko des plötzlichen Verlusts der Stammkundschaft in Europa an die USA könnte ein rasches Debakel im Zuge eines eskalierenden Wirtschaftskriegs folgen. Putin hätte sein Land politisch und wirtschaftlich vor die Wand gefahren. Ob das die jubelnde Mehrheit der Russen, die mit Putin seine imperialen Träume träumen, begriffen hat?

 

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5 Gedanken zu „Russlands Misere: Wie Putin das Land gegen die Wand fährt

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