Wirtschaftsnobelpreis: Ich weiß nicht was soll es bedeuten?

Nobelpreise galten einmal aus Ausweis für die Anerkennung der Leistung der Spitzen der wissenschaftlichen Forschung in der jeweiligen Disziplin. Alfred Nobel hatte eine solche Auszeichnung für die Wirtschafts- und auch andere Sozialwissenschaften nicht vorgesehen. Schließlich erbarmte sich die Schwedische Nationalbank und stiftete den Ökonomen im Jahr 1969 ebenfalls einen Nobelpreis. Die rigorose Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften erweckte den Anschein, dass sie durch mathematische Modelle und ihrer empirischen Überprüfung mit Hilfe empirischer Verfahren der Ökonometrie jetzt zu den Naturwissenschaften aufgeschlossen hätte.
Allerdings bleibt der Verdacht bestehen, dass die die Mathematisierung keineswegs zu einer Ideologiefreiheit und Objektivität in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung beigetragen hätte, wie man sich dies zunächst durch die Übernahme des Konzepts aus den Naturwissenschaften erhofft hatte. Schon einer der Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften, Gunnar Myrdal , hat früh auf das Problem des normativen Gehalts der Theoriebildung in den Wirtschaftswissenschaften hingewiesen. Wirtschaftswissenschaftliche Theorien haben normative Vorstellungen was gesellschaftlich wünschenswert ist und machen dies zur Grundlage ihrer Theoriebildung.
Der zuletzt viel kritisierte homo oeconomicus als Homunkulus der Öonomenzunft ist ein solches Konstrukt. Es liegt dem ein gesellschaftlicher Atomismus zugrunde, der das Individuum als autonome Entscheidungseinheit unterstellt, die nach rein rationalen Prinzipien wie beispielsweise der Nutzenmaximierung komplexe Entscheidungsprobleme mit Hilfe mathematischer Kalküle wie der Nutzenmaximierung löst. Dies hat bereits früh Zweifel ausgelöst, ob diese Postulate der Wirtschaftswissenschaften, die mit der neoklassischen Theorie ihren Siegeszug antrat, geeignet seien, die empirische Realität auch abzubilden.
Die Eleganz einer rigorosen Mathematisierung die Marktergebnisse als Ergebnis der Aggregation individueller Nutzenkalküle in ein allgemeines Gleichgewicht als stabilen Zustand dem die Wirtschaft zustreben würde, wurde zum Pfeiler ökonomischen Denkens, der als Maßstab für die Qualität eines gesellschaftlichen Zustands unerlässlich wurde. Alle Abweichungen von diesem postulierten Idealzustand – von einigen Ökonomen und Wissenschaftstheoretikern wie Hans Albert als Modellplatonismus gegeißelt – wurden als Scheitern der Realität an diesen Normvorstellungen kritisiert und mit der politischen Empfehlung versehen dieses Marktversagen der Realität durch entsprechende politische Maßnahmen dahingehend zu korrigieren, dass die normativen Vorstellungen der Ökonomen über ein perfektes und allgemeines Marktgleichgewicht auch erfüllt werden könnten.
Finanzmarktheorie und effiziente Märkte
Insbesondere in der Theorie der Finanzmärkte angeführt durch Eugene Fama – einem der jetzt mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichneten Preisträger – vertritt bis heute die These, dass Finanzmärkte aufgrund fehlender Friktionsmöglichkeiten ineffiziente Ergebnisse zeitigen könnten. Gerade hier würden unmittelbar und vollständig sämtliche Informationen aller Marktteilnehmer so verarbeitet, dass am Ende ein effizientes Marktgleichgewicht zustande kommen würde. Weil dem so sei, wäre eben auch eine Finanzmarktregulierung überflüssig, da ja die Marktteilnehmer durch ihre Kauf- und Verkaufsentscheidungen jedes abweichende Verhalten – irrationale Übertreibungen – sofort bestrafen würde und damit im Sinne des Sozialdarwinismus solche Akteure vom Markt verdrängt würden. Unter dem Schlagwort, Markteffizienzhypothese (efficient market hypothesis – EMH ) wurde daher eine Deregulierung der Finanzmärkte propagiert, da diese could take care for themselves. Es ist der Schlachtruf aller Marktradikalen bis zu heutigen Tea Party in den USA.
Finanzkrise und Dogmatismus in den Wirtschaftswissenschaften
Trotz des Debakels der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise regiert dieses Glaubenssystem unverändert weiter, wie sich eben auch bei der diesjährigen Nobelpreisverleihung wieder eindrucksvoll zeigt. Umso erstaunlicher ist, dass auch Robert J. Shiller zugleich der Preis zuerkannt worden ist. Er hat sich in seiner Forschungsarbeit zu Finanzmärkten insbesondere dadurch hervorgetan, dass er genau dieses Glaubenssystem mit seiner Idee des Behavioral Finance attackierte und anhand von empirischen Untersuchungen insbesondere auch der experimentellen Ökonomie zeigen konnte, dass die klassischen Annahmen des homo oeconomicus insbesondere auch auf Finanzmärkten keineswegs universelle Gültigkeit beanspruchen können. Anhand solcher Untersuchungen falsifizierte er die EMH im Sinne von Popper. Trotzdem halten die Vertreter der EMH unerschütterlich an ihrem Glaubenssystem fest. Damit ähneln sie den Anti-Darwinisten, bzw. Kreationisten , die immer noch unverbrüchlich an dem Glauben der biblischen Schöpfungsgeschichte festhalten und die Evolutionstheorie als Irrglauben brandmarken. Glaube ersetzt bekanntlich Wissen.
Pikant ist nun allerdings, dass man bei der diesjährigen Preisverleihung nun beide Denkschulen der Ökonomie parallel ehrt, d.h. man im Sinne von Lakatos einen Wissenschaftspluralismus bei der Analyse der Finanzmärkte akzeptiert. Man könnte auch mit Paul Feyerabend konstatieren, dass sich das Nobelpreiskomitee sich dem Wissenschaftsanarchismus angeschlossen hat. Anything goes. Rational, irrational, scheißegal scheint derzeit die Entscheidungsgrundlage des Nobelpreiskomitees gewesen zu sein. Da keine der beiden Denkschulen in den Wirtschaftswissenschaften die Hegemonie besitzt, kommt es zur friedlichen Koexistenz.
Schafft den Wirtschaftsnobelpreis ab!
Vielleicht wäre man aufgrund des Ergebnisses der diesjährigen Entscheidung vielleicht gut beraten, den Wirtschaftsnobelpreis doch in die Tonne zu treten. Er wird tendenziell an diejenigen Wissenschaftler vergeben, die in ausreichendem Maße eine Lobby für ihre Denkschule mobilisieren können. Ewige Wahrheiten und nachhaltige Naturgesetze und deren Überprüfbarkeit sind von den Gesellschaftswissenschaften derzeit nicht zu erwarten. Man denke nur an die Pleite der zwei Wirtschaftsnobelpreisträger Merton und Scholes sowie ihres Kollegen Black zurück. Sie wurden für die Entwicklung einer Optionspreisformel ausgezeichnet. Leider entpuppte sich dieses Optionspreismodell dann in der Realität als Praxisuntauglich. Mittels ihrer Optionswetten geriet der Hedgefond Long-Term Capital Management in eine existenzielle Finanzkrise. Ohne massive Stützung durch den Staat, bzw. die US-Notenbank und die großen Investmentbanken wäre es bereits damals zu einem großen weltweiten Finanzmarktcrash gekommen. So fand der Great Crash nicht bereits 1998 statt, sondern erst zehn Jahre später. Grundlage waren hier erneut dubiose Risikobewertungsmodelle bei Verbriefungen, die sich als nicht realitätstüchtig erweisen sollten. Mithin sind die globalen Finanzmärkte nun zunehmend zu einem Epizentrum für globale Krisen avanciert. Das hindert das Nobelpreiskomitee für Wirtschaftswissenschaften jedoch nicht daran, die Brandstifter zu ehren. Ehre wem Ehre gebührt, aber sind die diesjährigen Preisträger nun aller Ehren wert? Die Wirtschaftswissenschaftler ähneln dem Monsieur Jourdain im Le Bourgeois gentilhomme von Molière. Der freut sich wie ein Schneekönig als ihm Dorante, ein Betrüger, erklärt, dass er die ganze Zeit Prosa spreche, weil er nicht begreift, was Prosa bedeutet. Ökonomen haben auch Schwierigkeit Wissenschaft und Ideologie voneinander zu trennen, wenn sie dann im mathematischen Kleid daher kommt. Prosa bleibt Prosa und wird nicht zur Poesie. Ideologie bleibt Ideologie und wird nicht zur Wissenschaft.

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