End-to-end Kontrolle und Plattformwettbewerb: Microsoft kauft Smartphone-Sparte von Nokia

Microsoft gab vor kurzem die Übernahme der Smartphone-Sparte von Nokia bekannt und hat damit ein Geschäftsfeld von Nokia in seinen Konzern integriert, das ehemals zum Kernbereich von Nokia zählte. Nokia war noch vor wenigen Jahren Weltmarktführer bei Mobiltelefonen bevor das Smartphone seinen Siegeszug antrat. Hier zeigt sich wie fragil in einem intensiven Innovationswettbewerb Marktstellungen bei High-Tech-Produkten geworden sind.
Zugleich verabschiedet sich mit Nokia der letzte europäische Anbieter aus diesem Markt, in dem zuvor Siemens bereits gescheitert ist. Das wird nicht ohne Folgen für die Telekommunikationsbranche bleiben. Schließlich war eines der Erfolgsgeheimnisse von Nokia, das es ihm gelang GSM als Weltstandard zu etablieren, der maßgeblich von Nokia mitgestaltet worden war.
Der Versuch mit UMTS diesen Erfolg zu wiederholen, war nur zum Teil erfolgreich. Die USA und andere Länder wie beispielsweise China haben eigene Standards auf ihren Mobilfunknetzen implementiert. Zudem hat sich UMTS längst nicht so rasch weltweit ausgebreitet wie zunächst erhofft. Derzeit beginnt bereits die nächste Generation LTE in einigen Ländern wie in Deutschland als Nachfolger von UMTS sich am Markt zu etablieren. Europa nahm hierbei immer unter der Führung des ETSI (Europäisches Institut für Telekommunikationsnormen) die Koordination war. Technische Standards sind jedoch auch Marktabgrenzungen, wenn es nicht Endgeräte gibt, die verschiedene Standards gleichzeitig bedienen können.
Nachdem Nokia die Vorrangstellung im diesem Bereich zunehmend verloren hat, musste man sich dem Endgeräte-Wettbewerb anderer Anbieter stellen, die insbesondere durch das iPhone eine neue Form der Synthese von Telefonie und multimedialem Endgerät zur mobilen Internetkommunikation zur Marktreife brachte. Apple kombinierte dabei verschiedene Kompetenzen geschickt zu einem neuen attraktiven Produkt. Neben einem eigenen Betriebssystem für Apples mobile Endgeräte . wurden eigene Anwendungssoftware wie ein eigener Browser sowie attraktive Dienste wie Musik vom iPod mit einem eigenen iTunes-Store in dieses Smartphone integriert.
Hinzu kamen die neuartige Form zusätzliche Programme in Form von Apps über den Apple eigenen App-Store auf das Smartphone herunterzuladen. Durch diese Bündelung zahlreicher Dienste verschob sich die Nutzung der Smartphone immer mehr hin zu einem Allzweckgerät für zahlreiche online/offline Anwendungen. Des Weiteren kam durch GPS die Möglichkeit der Navigation und durch den Einbau von leistungsfähigen Kameras die Möglichkeit Fotos und kurze Videosequenzen zu schießen und direkt über das Smartphone an Freunde und Bekannte zu versenden hinzu.
Durch immer leistungsfähigere Prozessoren und hochauflösende Bildschirme mit Touchscreen-Eigenschaften wurde die Bedienung solcher Smartphone revolutioniert. Statt mechanischer Tasten ersetzen eben virtuelle Tasten auf der Touchscreen die Eingabemöglichkeit. Gleichzeitig dient die Kamera auch als Scanner für die schnelle Dateneingabe von Barcodes und QR-Codes schaffen weitere Möglichkeiten.
Eigentlich sind die heutigen Smartphones immer weniger Telefone im klassischen Sinn, sondern multimediale mobile Kommunikationseinheiten. Die Nutzung hat sich dabei immer mehr vom Telefonieren und Verschicken von SMS auf andere Nutzungen und Dienstleistungen verlagert. Von der Einführung des ersten iPhones im Jahr 2007 vergingen seither nur wenige Jahre. Wer mit dem raschen Innovationstempo nicht schritthalten konnte, blieb rasch auf der Strecke zumal nur Premiumanbieter wie Apple aufgrund ihrer technologischen Überlegenheit hohe Gewinnmargen realisieren konnten. Apple wurde so zur Kultmarke. Nur wenigen anderen Anbietern gelang es hier mitzuhalten. Google entwickelte mit Android einen neuen Industriestandard, der von zahlreichen anderen Herstellern insbesondere aus Asien(Südkorea, Japan und China) als Alternative zu Apples Betriebssystem und einem von Nokia Namens Symbian angenommen wurde.
Der Versuch von Nokia mit Symbian einen eigenen Standard für Smartphone-Betriebssysteme zu etablieren scheiterte. Schließlich wechselte Nokia zu Windows 8 als einem neuen Betriebssystem für seine Smartphone, das von Microsoft als integriertes Betriebssystem für mobile und stationäre PC-Rechner dienen soll. Von daher ist die Übernahme der Smartphone-Sparte von Nokia wenig verwunderlich, da Nokia letztendlich derzeit einer der wichtigsten Abnehmer des Windows8-Betriebssystems für mobile Endgeräte noch darstellt. Um das Risiko auszuschalten, dass auch noch Nokia vielleicht zu einem anderen Betriebssystem wechselt, war der jetzt erfolgte Schritt konsequent. Nur wenn Microsoft dauerhaft sicherstellen kann, dass sein Betriebssystem auch auf einer signifikanten Zahl von mobilen Endgeräten installiert ist, hat sich die Entwicklung von Windows 8 überhaupt gelohnt.
Solange daher Microsoft jetzt mit der Übernahme von Nokias Smartphone-Sparte den Kunden ein solches Angebot machen kann, kann aufgrund von Netzwerkeffekten Microsoft hoffen doch noch Fuß im Bereich der mobilen Endgeräte zu schaffen. Allerdings muss Microsoft eben sich auch dem weiterhin rasanten Innovationswettbewerb der anderen Anbieter wie u.a. Apple, Samsung und HTC stellen. Ohne die End-to-end-Kontrolle wie sie Apple bereits für sich etablieren konnte, wird es Microsoft schwer haben gegen Apple und Googles Android zu bestehen.
Dieser Prozess der fortschreitenden vertikalen Integration im Bereich der mobilen Endgeräte mit einheitlichen Betriebssystemen, Internet-Dienstleistungen wie Musikshops, App-Stores, etc. und einem Werbemarkt für mobile Endgeräte dürfte Microsoft zunehmend im Massenmarkt ins Hintertreffen geraten. Zahlreiche Endkunden verwenden zunehmend nur noch ausschließlich ihre mobilen Endgeräte und verzichten auf stationäre Geräte vollständig. Ein solcher Migrationsprozess der Nutzer erodiert aber die traditionell starke Marktstellung von Microsoft in ihrer systemischen Dominanz der gesamten Software-Industrie bei Standardsoftware. Ob es daher Microsoft jetzt noch gelingt mit der Übernahme der Smartphone-Sparte von Nokia sich in den Markt für mobile Endgeräte, Betriebssysteme und Dienstleistungen zurück zu kämpfen, bleibt abzuwarten.
Bisher fehlt die zündende Idee um nicht nur hinter den anderen hinterher zu laufen, sondern sich durch eine disruptive Innovation wieder an die Spitze zu setzen. Die kommenden Jahre werden es zeigen, ob Microsoft jetzt die Rückkehr an die Spitze gelingt. Die Übernahme von Nokia ist nur eine erste Zwischenetappe dazu.

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