USA: „Wachstumswunder“ der US-Wirtschaft?

Revisionen in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen finden immer wieder in regelmäßigen Zeitabständen statt. Dabei werden Revisionen in unterschiedlich umfangreichem Ausmaß aufgrund neuer Verfahren und Methoden nur in größeren Zeitabständen vorgenommen. Die jetzt am 31. Juli 2013 vom Bureau of Economic Anlaysis (BEA) veröffentlichten neuen revidierten Zahlen haben es allerdings in sich. Weil man entsprechend den im System of National Accounts (SNA) aus dem Jahr 2008 vereinbarten neuen Regeln zur Erfassung von Investitionen werden jetzt die FuE-Aufwendungen jetzt auch als Bestandteil bei den Investitionen, die vorher nur Bauten und Ausrüstungen umfassten mit eingeschlossen. Hinzu kommen Ausgaben für immaterielle Güter wie beispielsweise beim Copyright, Marken, Patenten, etc. Neben anderen weiteren Anpassungen zur Erfassung der Finanzierungsdefizite bei Pensionen und Renten führt dies am Ende dazu, dass das neue Bruttoinlandsprodukts insgesamt um 3 Prozent höher liegen wird als vor der Revision. Das ist nun schon eine beachtliche Größenordnung. Eine logische Folge daraus ist, dass sich die Staatsschuldenquote der US-Bundesregierung um zwei Prozent vermindern wird. Das wird natürlich Barack Obama und seine Regierung freuen, da man plötzlich schlagartig statistisch gesehen besser dasteht. Wie ist daher der Vorgang zu interpretieren?
Eine Änderung der Berechnungsmethodik ändert ja an den realen ökonomischen Verhältnissen zunächst einmal gar nichts. Man könnte analog wie Mary zu Feuerbach konstatieren: „Die Ökonomen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt jedoch darauf an sie zu verändern.“ Allerdings ist das System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und die daraus berechneten statistischen Kennziffern ein zentrales Element bei der Gestaltung von Wirtschaftspolitik und trägt so maßgeblich zur Entscheidungsfindung bei.
So stellte der ehemalige Finanzminister Theo Waigel bei Einführung des Euros im Jahr 1998 kategorisch bezüglich der Defizitquote Deutschlands fest: „Drei Prozent, sind drei Prozent.“
Es war dann doch wohl am Ende etwas mehr als die von der offizielle Statistik eingeräumten 2,7 Prozent für das Jahr 1997.
Hier zeigt sich erneut wie sensibel Politiker und die breite Öffentlichkeit auf derartige Kennziffern reagieren. Das Bruttoinlandsprodukt, die Wachstumsrate der Wirtschaft oder daraus abgeleitete Kennziffern wie die Staatsschuldenquote sowie die Defizitquote haben sich gleichsam soweit verselbständigt, dass sie eine Quasi-Objektivität erreicht haben. Dabei spielen jedoch die zugrundeliegenden Definitionen der statistischen Erfassung eine entscheidende Rolle, welche Werte am Ende herauskommen.
Schon Oskar Morgenstern hat in seinem Buch, Über die Genauigkeit wirtschaftlicher Beobachtungen, darauf hingewiesen, dass man sich vor Scheingenauigkeiten in acht nehmen sollte. Die statistischen Messfehler sind in der Regel erheblich, wie zuletzt auch wieder die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung in Deutschland belegten. Plötzlich fehlten nach der jüngsten Volkszählung 1,5 Millionen Einwohner in der Statistik.
Goodhart’s Gesetz, ein Zusammenhang, den der britische Ökonom einmal aufstelle, besagt: „Dass ein Maß, das zur Zielgröße in der Politik erhoben wird, seine Eigenschaft verliert ein gutes Maß hierfür zu sein.“ Er wollte darauf hinweisen, dass die Versuchung für die Politik groß ist, die Statistik so zu gestalten, dass es der Politik leichter fällt gesetzte Ziele zu erreichen. Böse Zungen sprechen dann von Statistikmanipulation.
Letztendlich sollte man sich daher davor hüten, eine revidierte Statistik einfach aufgrund ihrer Abweichungen zu den bisherigen Größen als positive Verbesserung oder negative Verschlechterung zur bisherigen zu interpretieren. Man täte hingegen gut daran, die neue Statistik stattdessen nur als andere Messung des gleichen Sachverhalts zu akzeptieren. Diese haben in der Regel Vor- und Nachteile, die einfach in den Unterschieden zur bisherigen Methodik liegen.
So ist es wohl auch diesmal der Fall. FuE-Aufwendungen wurden bisher als Bestandteil der Vorleistungen erfasst. Jetzt werden sie als Investitionen in der VGR verbucht. Damit gehen sie in die Berechnung des BIP ein, was vorher nicht der Fall war. Da die USA laut Statistik eine F&E-Quote von etwa 3 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt ausweist , ist das Ergebnis der Revision dann nicht besonders überraschend. Es ist zu einem wesentlichen Teil ein Problem der Umbuchung der FuE-Aufwendungen von den Vorleistungen hin zu den Investitionen.
Die USA sind am Ende kein deut wohlhabender als zuvor. Nur werden die FuE-Werte eben etwas anders verbucht. Alles eine Frage der Definition.

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