Die Vierte Gewalt und das Ende der Printmedien

Die gestrige Nachricht, dass der Springer-Verlag sich von einem großen Teil seiner Printmedien (Traditionsblätter wie die „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ sowie sämtliche Frauen- und Programmzeitschriften) verabschiedet und sie an die Funke-Medien-Gruppe veräußern will , schlug in der Medienlandschaft ein wie eine Bombe. Bisher glaubte man sich bei den konservativen Blattmachern auf der sicheren Seite. Schließlich dachte man frisst das konservative Lager nicht seine treuesten Verbündeten. Neben der Bild-Zeitung war es ja die Springer-Presse die immer die öffentliche Meinung im Sinne von CDU/CSU und FDP lautstark vertreten hat. Nicht zuletzt in der Zeit der Studentenunruhen zum Ende der 1960er Jahre firmierte ja der Springer-Verlag als Frontstadt-Presse für die Werteordnung der Adenauer-Ära, die durch die junge Generation im Zuge der Studentenunruhen in Frage gestellt wurde. Jetzt werden sie durch die technologische Revolution der digitalen Medien nicht mehr als sakrosankt angesehen.
Old news are no news
Unter diesem Schlagwort muss sich das klassische Pressemedium jetzt immer mehr dem Verdrängungswettbewerb der digitalen Medien stellen. Sobald eine Nachricht weltweit über die Nachrichtenagenturen gelaufen ist, eine Pressekonferenz irgendwo stattgefunden hat, steht es Minuten später im Netz als Nachricht. Information verbreitet sich nun mal schneller über das Internet, wenn es nicht wie in China durch die Great Chinese Firewall an seiner Verbreitung gehindert wird. Die Presse als Printmedium kann da nicht mehr mithalten. Was bereits vorher über die digitalen Medien verbreitet wurde hat eben in den Tageszeitungen keinen Neuigkeitswert mehr.
Stirbt der Qualitätsjournalismus?
Als Nachrichtenjäger hat die klassische Presse damit ausgedient. Zahlreiche Journalisten, die bereits seit Jahren um ihren Job fürchten, kaprizieren sich deshalb darauf ihre Qualitäten gegenüber den puren Nachrichten herauszustellen. Aber wie viel Qualitätsjournalisten gibt es heute noch? Nicht jeder der noch stolz von seiner hochwertigen Berichterstattung schwärmt erfüllt diese Kriterien. In einer immer komplexeren Welt wird es auch für sie immer schwieriger den Entwicklungen auf zahlreichen Gebieten zu folgen. Es fehlt einfach an Fachwissen und an der Zeit sich in komplexe Themen einzuarbeiten. Hinzu kommt, dass die Leserschaft ebenfalls von solchen Themen überfordert ist. Der potentielle Leserkreis für komplizierte Themen schrumpft. Der Normalbürger mag es eben leicht und simpel.
Der Erfolg der Bild-Zeitung beruht genau auf diesem Konzept. Bilder sollen mehr als tausend Worte sagen. Die Inhalte werden auf Berichte über Personen und deren Äußerungen reduziert. Statt inhaltlicher Analysen werden und daraus abgeleiteten eigenständigen Analysen steht das Interview. Herr … und Frau … sagen. Ein paar einfachen Fragen mit einfachen Antworten genügt dem einfachen Bürger oder der einfachen Bürgerin. Man schließt sich dann gern den Meinungsführern an. Ich bin für Merkel oder für Steinbrück lautet das Credo.
Nicht die eigenständige Reflektion über inhaltliche Probleme ist gefragt, sondern die Herdenbildung um Meinungsführer. Die Presse ist dieser Simplifikation gefolgt. Man berichtet lieber über Medienstars oder kreiert sie erst selber. Dann füllen deren Äußerungen die Blätter. Ein Interview hier, eine Talk-Show dort. Alles bleibt seicht und leicht verdaulich.
Der Qualitätsjournalismus bleibt da schon lange – abgesehen von wenigen rühmlichen Ausnahmen – auf der Strecke. Mithin ist die Frage nach dem Qualitätsjournalismus beim Verkauf der Springer-Blätter überflüssig. Die hatten niemals eine hohe Qualität. Sie waren schon soweit rund geschliffen, dass das keine journalistischen Ecken mehr erkennbar waren. Dazu trug schon der stille Druck der ökonomischen Verhältnisse bei. Man wollte nicht durch kritische Berichterstattung Werbeeinnahmen gefährden. Noam Chomsky hat das schon lange für die USA in seinem Buch, Manufacturing Consent , luzide analysiert.
Presse als Vierte Gewalt?
Meinungsvielfalt und große Debatten finden immer weniger statt. Meinungen werden zunehmend von Journalisten zu anderen Meinungsträgern mit Fachkompetenz out-sourced. So liefert das Syndicate-Projekt Kommentare und Meinungen von Experten im Bereich Wirtschaft frei Haus. Es sind eben zunehmend Experten auf den einzelnen Fachgebieten, die als Meinungsmacher die ehemaligen Fachjournalisten ersetzen. Letztere können zwar gut schreiben, aber sind in der Regel den Fachleuten was Sachkenntnis angehet deutlich unterlegen. Die Mittlerfunktion verliert sich für den Qualitätsjournalisten. Früher spielte hier die umfassende Recherche eines investigativen Journalismus noch eine zentrale Rolle. Wer von den Springer-Leuten könnte eine solche Rolle noch für sich in Anspruch nehmen. Hier lag ja die ursprüngliche Bedeutung der Presse als Vierter Gewalt. Heute dienen stattdessen viele Medienleute mehr als Impressarios der Politiker, um sich noch ein nettes Zubrot hinzuzuverdienen. Sie managen die Wahlkampagnen der einzelnen Parteien oder engagieren sich als Pressesprecher der Konzerne. Sie haben damit die Seiten gewechselt.
Selten waren die Medien wie heutzutage so zahm wie heute.
Es wird daher auch kein Wehgeschrei geben, wenn jetzt die Springer-Presse Stück für Stück auf dem Misthaufen der Geschichte landet. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.
Was wird aus dem öffentlichen Raum?
Längst hat eine Graswurzelbewegung der Blogger angefangen die Leerstellen der traditionellen Presse auszufüllen. Jugendliche und junge Erwachsene lesen kaum noch Tageszeitungen und Printmedien. Mithin hat sich der öffentliche Diskurs zunehmend in den virtuellen Raum und insbesondre auch soziale Netzwerke verlagert. Der verzweifelte Versuch der traditionellen Medien dort Fuß zu fassen – ja auch wir Twittern, haben eine Facebook-Seite, etc. – ist soweit erkennbar kein großer Erfolg. Die Öffentlichkeit hat sich aus dem allgemeinen politischen Diskurs sowieso verabschiedet.
Der Rückzug ins Private macht sich bereits an den dramatisch sinkenden Zahlen bei Wahlen bemerkbar. Da die politischen Parteien weitgehend keine Inhalte mehr dem Wähler zur Entscheidung anbieten, sondern nur ihre Kandidaten, die bis auf wenige Spitzenkandidaten sowieso keiner kennt, und einem irgendwie diffusen Parteiimage zur Wahl stellt, der Rest wird dann in den späteren Koalitionsvertrag in enger Kooperation mit den entsprechenden Lobbyverbänden festgezurrt, hat der einfache Wähler längst begriffen, das die Politik schon längst den mündigen Bürger als überflüssig erkannt hat. Leider hängen die Parteifinanzen bei Wahlen noch von der Zahl der Stimmen, die man erhalten hat, am Ende doch irgendwie ab. Letztendlich sind aber andere Einnahmequellen inzwischen schon weitaus wichtiger zur Parteienfinanzierung geworden. Das ganze Wahlspektakel hat mehr den Charakter einer Kirmes und dient der Volksbelustigung. Freibier für die Männer und Blümchen für die Frauen und Luftballons für die Kinder. So gewinnt man Wählerstimmen.
Die leuchtenden Vorbilder findet man inzwischen ja in den Mutterländern der Demokratie, den USA und Großbritannien. Dort ist die Presse ja inzwischen bis auf wenige Ausnahmen in die Hände von Medienmoguln geraten. Rupert Murdoch hat inzwischen die britische Elite soweit unterwandert, dass sie nach seiner Pfeife tanzen muss. Daran ändert auch der letzte Skandal wenig. Bis auf die Ausnahme des Guardian ist auch dort die Quaalitätspresse am dahinsiechen. In Spanien steht El Pais vor der Insolvenz und in Italien hat Berlusconi bereits tabula rasa gemacht. Der Niedergang des demokratischen Diskurses über die Presse ist nur noch ein Relikt des 19. und 20. Jahrhunderts. Der Rest ist Schweigen.

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3 Gedanken zu „Die Vierte Gewalt und das Ende der Printmedien

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