Bernanke, die Fed und das Ende der unorthodoxen Geldpolitik

An den globalen Finanzmärkten steigt derzeit wieder die Unsicherheit über den zukünftigen absehbaren Kurs der US-Notenbank. Es wird über das Ende der unorthodoxen Geldpolitik der Fed spekuliert.[1] Mit der Politik des Ankaufs von Staatsanleihen noch eine Wirksamkeit auf die Wirtschaft zu erzielen nachdem der Geldmarktzins der Fed, die Federal Funds Rate, auf nahezu Null abgesenkt worden ist. Keynes hatte die Situation als Liquiditätsfalle[2] charakterisiert, wo aufgrund der Unterschranke der nominalen Zinsen nicht unter null gesenkt werden zu können, geldpolitische Maßnahmen wirkungslos geworden seien. Unter dem Terminus Quantitative Easing, QE[3], wurden von der Fed in großem Umfang Staatsanleihen der US-Regierung von der Fed angekauft.

Dieser systematische Ankauf von Schuldverschreibungen zunächst nur von US-Staatsanleihen, dann auch von Hypothekenanleihen und Verbriefungen (toxic papers) sollte die Wirtschaft mit ausreichend Liquidität versorgen nachdem die Geschäftsbanken ihre Kreditvergabe an große Teile der Wirtschaft sowohl durch extrem hohe Zinsen einerseits oder gänzliche Verweigerung von Krediten in eine Kreditklemme[4] hineinmanövriert hatten. Im Jargon der Geldpolitik heißt, dass dann das der Kreditkanal und der Zinskanal  blockiert waren und bis heute teilweise noch sind.[5] Es ist das was man als Marktversagen[6] auf den Geld-[7] und Kapitalmärkten[8] sowie den Kreditmärkten  bezeichnet.

Die geldpolitische Sicht der Deutschen Bundesbank

Auch Sicht der Deutschen Bundesbank und der orthodoxen Geldtheorie ist dies jedoch eine monetäre Staatsfinanzierung durch die Notenbank[9], die früher oder später zu Inflation führen wird. [10] Aufgrund der Erfahrungen in der Vergangenheit insbesondere in Deutschland mit der Hyperinflation[11] bis zum Jahr 1923[12] gilt eine solche Politik als schwerer ordnungspolitischer Verstoß.[13] Letztendlich war in Deutschland die Hyperinflation und die damit vollzogene faktische Enteignung aller Spareinlagen der Bevölkerung in Deutschland durch den Staat eine traumatische Erfahrung unserer Eltern und Großelterngeneration. Hinzu kommt noch die Währungsreform[14] nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.[15] Diese Erfahrungen eines grundsätzlichen Vertrauensbruchs des Staates und der Reichsbank gegenüber den Bürgern hat tiefe Spuren im kollektiven Bewusstsein hinterlassen. Die DM war mithin zusammen mit einem entsprechend strikten ordnungspolitischen Rahmen für die Deutsche Bundesbank Preisstabilität zu gewährleisten zu einem Symbol für eine neue Stabilitätskultur geworden. Geldpolitik sollte niemals wieder zur Staatschuldenfinanzierung eingesetzt werden.

Der ordnungspolitische Rahmen der EZB

Dies wurde auch zur Grundlage der Verfassung der EZB[16] im Rahmen des Maastricht-Vertrags der die Rechtsgrundlage für die Währungsunion festlegt. Insbesondere mit der No-Bailout-Klausel [17] ist es grundsätzlich auch der EZB verboten Staatsschuldenfinanzierung eines der Mitgliedsstaaten zu betreiben. Damit sollte die fiskalische Disziplin jedes Mitgliedsstaates sichergestellt werden. Im Stabilitäts- und Wachstumspakt wurden Kriterien festgelegt, die jeder Mitgliedsstaat einzuhalten habe. Das Staatsdefizit sollte nicht über 3% des Bruttoinlandsprodukts steigen und die Staatsschuldenquote sollte auf 60% des Bruttosozialprodukts begrenzt werden.[18] Das geldpolitische Ziel der EZB ist auf die Wahrung einer Inflationsrate nahe und unterhalb 2% des Verbraucherpreisindexes (HICP) begrenzt werden.

Der ordnungspolitische Rahmen der Fed

Im Unterschied zur EZB hat die Fed einen doppelten geldpolitischen Auftrag. Sie soll sowohl für Preisstabilität als auch für Wirtschaftswachstum und hohe Beschäftigung in den USA sorgen.[19] Der ordnungspolitische Rahmen der Fed  ist von der Idee keynesianischer Geldpolitik und den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 geprägt.[20] Das Hauptübel wurde dabei in einer damaligen zu restriktiven Geldpolitik der US-Notenbank gesehen, die zu einer Deflation und damit schweren Depression und Massenarbeitslosigkeit geführt habe.[21]

Das amerikanische Trauma ist daher, dass man Deflation unter allen Umständen und mit allen zur Verfügung stehenden geldpolitischen Mitteln zu verhindern habe. Nur so – die Überlegung – könne eine schwere wirtschaftliche Depression verhindert werden. Um die richtige Balance zwischen den beiden Zielen Preisstabilität und Wirtschaftswachstum herzustellen, diente die Phillips-Kurve.[22] Demnach gibt es einen Trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit, der eben durch die Phillips-Kurve[23] als Orientierungsweg beschrieben wird. Helmut Schmidt hat diesen Zusammenhang in der Öffentlichkeit mit dem Diktum popularisiert: „Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit.“[24] Das Problem war nur, dass die Phillips-Kurve keineswegs einen stabilen Zusammenhang zwischen den beiden Zielgrößen gewährleistete. Milton Friedman argumentierte dagegen, dass es langfristig aufgrund der Lerneffekt der Wirtschaftssubjekte über die Inflationsentwicklung zu einer Preis-Lohn-Spirale käme, d.h. um einen wachstums- und beschäftigungspolitischen Impuls einer expansiven Geldpolitik auf die Wirtshaft zu erzielen, müsste eine immer höhere Inflationsrate akzeptiert werden. Es käme deshalb nach einiger Zeit zu einer deutlichen Inflationsbeschleunigung.

Die Fed hat also einen deutlich größeren Spielraum als die EZB bei der Ausrichtung ihrer Geldpolitik.[25]

Globalisierung der Finanzmärkte, neue Finanzinnovationen, Ratingagenturen und das Schattenbankensystem

Nach dem Ende des Bretton-Woods-Systems[26], dass den US-Dollar an einen festen Goldpreis von 35 US-Dollar band,  geriet aufgrund zweier kurz hintereinander erfolgender Ölpreisschocks die USA und zahlreiche andere Länder in einen Zustand akzellerierender Inflationsraten bis über 10 Prozent. Dieser Prozess wurde nur durch eine restriktive Geldpolitik von Paul Volcker[27] in den USA gestoppt, was mit einer deutlichen Rezession und hoher Arbeitslosigkeit einherging.

Die Fed in den USA kehrte so zu einer mehr an Preisstabilität orientierten Geldpolitik zurück. Für die Stimulierung der US-Wirtschaft wurden Staatsdefizite im Rahmen der Reaganomics[28] vorwiegend durch massive Steuersenkungen und weniger durch direkte defizitfinanzierte Staatsausgaben eingesetzt. Allerdings wurden die Militärausgaben massiv ausgeweitet, was unter dem Stichwort, Militär-Keynesianismus[29], bekannt geworden ist. Da Steuern zu einem erheblichen Teil eher von den höheren Einkommens- und Vermögensbeziehern aufgrund von Steuerprogression gezahlt werden, war durch diese Politik auch eine zunehmende Umverteilung zwischen Armen und Reichen mit vorprogrammiert. Gleichzeitig schwoll systematisch das Staatsdefizit immer weiter an. Die von Laffer als Wundermittel der Angebotspolitik propagierte Laffer-Kurve[30] erwies sich als Chimäre. Parallel zu dem trendmäßigen Anstieg der Staatsverschuldung wurden mittels Privatisierung[31] von Staatsbetrieben und staatlichen Dienstleistungen Einmaleinnahmen erzielt, die das Defizit vorübergehend senkten.

Man erhoffte sich durch die Kombination mit einer Deregulierung, Stichwort: Bürokratieabbau, die Privatinitiative soweit mobilisieren zu können, dass dadurch ein höhere Wachstumspfad und entsprechend höhere Beschäftigung möglich würden. Jedoch blieben diese Hoffnungen weitgehend unerfüllt. Durch die Lockerung der Finanzmarktregulierung bildeten sich stattdessen zunehmend auch Kreditblasen im Privatsektor. Die Privatverschuldung der Haushalte stieg an.

Wegen der nachlassenden Finanzaufsicht auf das Bankensystem entstanden Schattenbanken und eine immer größere Kreditgeldschöpfung durch Geschäftsbanken sowie Schattenbanken. Damit parallel wuchsen aber auch die Kreditausfallrisiken und wegen unzureichender Eigenkapitaldeckung die Insolvenzrisiken von Geschäftsbanken. Bereits bei der Saving&Loan-Krise[32] zeigte sich, dass Immobilienfinanzierer in den USA bei rasant steigenden Kreditausfällen insolvent waren. Um eine sich ausbreitende Finanzmarktkrise durch Ansteckungseffekte zu verhindern, wurden zahlreiche Kreditinstitute geschlossen und die übrigen auf Staatskosten rekapitalisiert. Das war bereits der erste große Bail-out[33] in den USA seit dem Zweiten Weltkrieg.

Eigentlich hätte dies zu einer strikteren Reregulierung der Finanzmärkte führen müssen, aber diese Chance wurde damals versäumt. Man interpretierte stattdessen dieses Ereignis als notwendigen Prozess, um effiziente Finanzinstitute mit einem angemessenen Risikomanagement[34] von der Spreu der ineffizienten Institute zu trennen. Nicht die Finanzmarktregulierung war das Problem, sondern Fehler im Risikomanagement einzelner Institute. Durch entsprechendes Risikomanagement der Institute wäre das Problem systemischer Risiken der Finanzmärkte vermeidbar. Nicht der Markt hatte versagt, sondern nur einzelne Marktteilnehmer.

Im Zuge eines effizienteren Risikomanagements wurden neue Finanzmodelle wie Verbriefungen[35] entwickelt. Sie sollten anhand mathematisch-statistischer Modelle das Risiko breiter streuen und damit Kreditausfälle beherrschbarer machen.[36] Dies erwies sich jedoch am Ende als Illusion. Eine breitere Risikostreuung mag für den Einzelfall ja wie bei einer Versicherung die Last eines Kreditausfalls auf viele Schultern verteilen, aber man schafft dadurch auch Ansteckungseffekte falls es nicht nur einzelne Kreditausfälle gibt, sondern eine Kaskade aufgrund einer systemischen Finanzmarktkrise.

Letztere ist jedoch immer das Ergebnis wenn das gesamte Kreditvolumen soweit ausgeweitet wurde, dass eine Kreditblase sich herausgebildet hat.[37] Dies ist in der Regel dann zu erwarten, wenn die Geldpolitik über einen langen Zeitraum den Geldmarktzins soweit senkt, dass aufgrund der gesunkenen Kreditkosten Kreditbeziehungen eingegangen werden, die bei einer Rückkehr der Zinsniveaus zu einem nachhaltigen Zinsniveau nicht mehr bedient werden können. Knut Wicksell hat bereits darauf hingewiesen, dass die Kreditgeldschöpfung sich am langfristigen Wachstumspotential einer Wirtshaft ausrichten sollte.[38] Ein zu niedriger Geldmarktzins führt ansonsten zu Fehlinvestitionen, da bei Änderung der Finanzmarktbedingungen zurück zu einem Normalzustand diese Investitionen unrentabel werden. Solche Investitionen werden auch als Malinvestments bezeichnet.

Heutzutage ist die Lage noch sehr viel komplizierter geworden. Zum einen hat man durch die Deregulierung der Finanzmärkte es jetzt nicht mehr nur mit einem traditionellen Geschäftsbankensystem zu tun, sondern es findet über ein komplexes System aus sogenannten Retail-Banken[39] und Wholesale-Banken[40] statt, was letztere zu systemische wichtigen Banken macht, da sie mit allen anderen und untereinander hochgradig vernetzt sind. Dadurch entsteht das Too-big-to-fail-Problem.[41] Es ist gesamtwirtschaftlich nicht akzeptabel solche Banken insolvent gehen zulassen, da dadurch über Ansteckungseffekte eine Finanzsystemkrise ausgelöst werden kann. Die Pleite der Investment Bank Lehmann Brothers[42], hat dies nochmals nachdrücklich dokumentiert. Jedoch schafft eine implizite Staatshaftungsgarantie das Problem des moralischen Risikos.[43]  Banken mit einer Staatshaftungsgarantie haben kein Anlass ihr Risiko selbst so zu begrenzen, dass man sich ausreichend gegen eine Illiquidität oder gar Insolvenz schützt. Man kann ja auf den Bail-Out des Staates vertrauen. Da hohe Risiken in der Regel mit hohen Erträgen korreliert sein sollten, ist offensichtlich die Risikofreudigkeit dann höher, wenn ich aufgrund hoher Risiken hohe Erträge erzielen kann, aber für den Schadensfall die Verluste nicht selbst tragen muss.

Darüber hinaus haben sich die Finanzmärkte aufgrund der Aufhebung von Kapitalmarktkontrollen globalisiert. Von daher sind die Einflüsse zwischen den einzelnen nationalen Finanzmärkten sehr viel stärker als zu Zeiten des Bretton-Woods-Systems. Hinzu kommt, dass das Schattenbankensystem sich bisher weitgehend einer Finanzaufsicht entzieht, d.h. die Aufsichtsbehörden haben keine ausreichenden Informationen über die dort vorhandenen Risiken.[44]

Durch die massive Ausweitung des Derivatehandels[45] mit komplexen Methoden des Financial Engineerings[46] sind neue Märkte entstanden auf denen Risiken getrennt von den zugrunde liegenden Vorgängen gehandelt werden. Im Prinzip sind es eben Wetten über das Eintreten bestimmter möglicher Ereignisse mit daran gekoppelten Wetteinsätzen. Auch hier können durch riskante Wetten Zahlungsausfälle entstehen, wenn die Zahlungsverpflichtungen beim Verlust einer Wette nicht erbracht werden können. Bei zahlreichen hochriskanten Wetten wie naked short selling[47] fehlt jede Unterlegung durch Vermögenswerte als Sicherheiten. Durch die komplexe Vernetzung einzelner Wetten miteinander können dadurch ebenfalls rasch hohe Zahlungsausfälle mit systemischen Risiken entstehen. Der Fall AIG[48] ist hierfür ein gutes Beispiel. Die AIG war die Sammelstelle für weltweite Kreditausfallwetten (CDS[49]). Im Zuge der Lehmann Pleite kam es aufgrund von Ansteckungseffekten zu einem rasanten Anstieg der Fälligkeiten solcher Kreditausfallversicherungen, die die Zahlungsfähigkeit der AIG überstieg und, um ein weiteres Ausbreiten einer Systemkrise zu verhindern, durch Staatshilfen gerettet werden musste.

Auch im Bereich der Immobilienfinanzierung wurden zunehmend hochriskante Finanzierungsmodelle insbesondere mit variablen Zinssätzen (ARMs[50]) und geringen oder am Ende überhaupt keinem Eigenkapital der Immobilienkäufer  abgeschlossen. Der Irrtum den die Immobilienkreditgeber unterlagen war, dass man glaubte durch den Weiterverkauf der Hypothekendarlehen und deren Verbriefung das Kreditausfallrisiko angemessen kontrollieren zu können.  Das erwies letztendlich als Illusion, da schrittweise immer riskantere Hypothekendarlehen sich auf dem Hypothekenmarkt ansammelten (subprime Hypotheken).[51] Bei einem unerwarteten Zinsanstieg wurden diese sehr rasch notleidend. Wegen einer Immobilienpreisblase waren die zugrunde liegenden Immobilien deutlich fehlbewertet und konnten am Markt nicht mehr zur Deckung des Kreditausfalls platziert werden. Der ganze Kreislauf der Hypothekenfinanzierung kam dadurch zum erliegen.

All dies geschah letztendlich unter den Augen der Fed und der verschiedenen US-Finanzaufsichtsbehörden. Viel zu spät erkannte man dort die Brisanz der Lage. Man hatte die Finanzmärkte ein Kartenhaus aus hochkomplexen Kreditbeziehungen und darauf aufbauenden Derivatwetten sich entwickeln lassen ohne hier regulierend und disziplinierenden einzugreifen.

Man hatte zudem auf private Institutionen wie Ratingagenturen vertraut, die die Kreditausfallrisiken anstelle der Finanzaufsicht effizient bewerten sollten und so die Marktteilnehmer vor Kreditausfallrisiken schützen sollten. Dies erwies sich als Trugschluss. Die Ratingagenturen waren dazu nicht in der Lage und haben wohl auch teilweise bewusst zu optimistische Bewertungen und damit zu hohe Kreditratings erteilt. Naive Käufer von solchen Wertpapieren, die diesen Ratings vertrauten, mussten dann in der Finanzkrise erkennen, dass sie sich hatten täuschen lassen. Einen Haftungsanspruch für Fehlratings lehnen die Ratingagenturen bisher kategorisch ab.

Gewaltige Informationsdefizite der Zentralbanken und Kontrollverlust über die globalen Finanzmärkte

Die Zentralbanken angeführt von der Fed sehen sich einem zunehmenden Informationsdefizit gegenüber.  Die Komplexität der globalen Finanzmärkte ist durch die Vernetzung von Banken, Schattenbanken unterschiedlichster Derivate, die oftmals als Over-the-Counter (OTC) außerbörslich gehandelt werden, in ihrem systemischen Risikopotentialen kaum darstellbar.[52] Bisher verfügt man weltweit übe keine Risk-map[53], die die Risikoverteilung und Verknüpfungen der unterschiedlichen Risiken untereinander darstellen kann. Damit befindet man sich jedoch bei den Zentralbanken zu einem erheblichen Teil in einem Blindflug.  Man kann nur sehr vage die Effekte einer geldpolitischen Maßnahme abschätzen.  Man versucht daher nur durch inkrementelle Schritte in der Geldpolitik und einer umfassenden Kommunikation der Absichten der Geldpolitik den anderen Marktteilnehmern rationalen Reaktionen auf diese zu ermöglichen. Niemand soll möglichst von der Geldpolitik überrascht werden, sondern sich rechtzeitig auf deren Politikwechsel einstellen können. Es ist ein geldpolitischer Drahtseilakt.

Irrationale Marktreaktionen[54] können diese geldpolitische Strategie schnell katastrophal scheitern lassen. Daher ist derzeit die Kommunikation der Geldpolitik der Fed ein zentraler Bestandteil der Geldpolitik geworden. Als im Mai Ben Bernanke in einer Rede von einem tapering out[55] der massiven Ankäufe von Staatsanleihen in diesem und kommenden Jahr sprach, löste diese gleich heftige Spekulation über deren konkreter Bedeutung aus. Wann und wie viel würden die Ankäufe zurückgefahren? Die Forderung sich hier genauer festzulegen übt daher einen erheblichen Druck auf den Zentralbankvorsitzen Bernanke aus.

Gerade aufgrund der komplexen Finanzmärkte sind zahllose Akteure dabei ihre Reaktionen auf ein solches Ereignis anzupassen. Nur ist es eben eine Gleichung mit etlichen Unbekannten. Bei risikoaversem Verhalten[56] wird man seine Anpassungsreaktion möglich zeitnah an die Äußerung von Bernanke anzupassen.[57] Man will nicht unvorbereitet von der Maßnahme überrascht werden. Diese Vorziehreaktionen führen jedoch zu einer Art self-fulfilling prophecy.[58] Wegen sinkender Risikobereitschaft steigen die Marktzinsen am Kapitalmarkt oder auch am Geldmarkt an. Der Kommunikationskanal wirkt also ohne eine reale Aktionen der Geldpolitik allein wegen der Absichtserklärung. Kurz ein falsches Wort von Bernanke kann bereits gewaltige Turbulenz herbeiführen.[59] Es ist und bleibt ein Drahtseilakt.

Hinzu kommt die Frage was mit den bei der Fed jetzt liegenden Wertpapieren hinsichtlich der Bewertung geschehen wird.[60] Man kann ja durchaus beim Ankauf der Papiere in erheblichem Umfang Fehlbewertungen vorgenommen haben, so dass es zu Verlusten kommt, die das Eigenkapital der Fed übersteigt.[61] Sie wäre dann de facto insolvent und müsste selbst durch den Staat rekapitalisiert werden.[62] Die Bewertung solcher Papiere erfolgt nach verschiedenen Regeln.[63] Nur wenn die Papiere ohne Zahlungsausfall bis zur Fälligkeit (hold-to-maturity) bedient werden, kann man den Nennwert zugrunde legen. Das ist das Prinzip einer Bad Bank.[64] Ansonsten müssen entsprechend der Marktentwicklung Korrekturen erfolgen. Mithin man hängt vom Markt ab. Gewinne und Verluste der Ankäufe der Wertpapiere sind also durch die Marktentwicklung, die letztendlich nicht vorhersehbar ist, abhängig.  Optimisten zu denen ja auch in der Regel Spitzenpolitiker wie Merkel, Schäuble oder Kohl gehörten, sehen immer Überschüsse aus solchen Bail-outs. Man würde keine Verluste, sondern aufgrund von Zinszahlungen mit Gewinn abschließen können. Jedoch hängt dies eben von der vollständigen Vertragserfüllung ab, d.h. Zahlungsausfälle dürfen nicht eintreten. Kommt es zu großen Zahlungsausfällen dann können die dabei anfallenden Verluste die Zinserträge aus den verbleibenden Wertpapiere deutlich übersteigen. Dann hätte man mit Zitronen gehandelt. Darauf verweisen die Pessimisten zu denen auch die Vertreter der Deutschen Bundesbank zu rechnen sind. Die Bagehot-Regel[65] eines lender-of-last-resort[66] zielt ja nur auf Liquiditätssicherung des Finanzsystems, aber nicht auf Subventionierung insolventer Banken ab. Genau hier liegt aber das Problem der jetzigen Geldpolitik der Fed und anderer Zentralbanken wie der EZB. Man finanziert de facto insolvente Finanzinstitutionen, um eine Finanzsystemkrise zu verhindern.

Das führt aber tendenziell wie auch im Falle Japans zu sogenannten Zombie Banken.[67] Eigentlich gibt es oftmals keine realistische Chance, dass sie wieder solvent werden könnten. Sie werden aber trotzdem finanziert und es bilden sich immer größere stille Lasten bei der Zentralbank. Mithin müssten solche Finanzinstitutionen rigoros abgewickelt werden. Innerhalb der Europäischen Währungsunion ist dies noch schwieriger, da jedes Land seine nationalen Champions verteidigt.

Es ergibt sich auch für die Fed aufgrund seiner Ankäufe von Wertpapieren in einem gewaltigen Umfang das Problem, dass es in ein geldpolitisches Dilemma hineingerät. Würde zur Sicherung der Preisstabilität eine restriktivere Geldpolitik erforderlich sein, dann könnte man darauf verzichten, weil eine solche Politik aufgrund des Zinsanstiegs zu Verlusten bei der Bewertung von Papieren führen muss, die mit niedrigeren Zinssätzen als denen jetzt am Markt geltenden bedient werden. Um diese Buchverluste zu vermeiden, verzichtet man daher auf diese restriktivere Geldpolitik und akzeptiert die Fed stattdessen eine höhere Inflationsrate. Sie würde das Hauptziel der Geldpolitik für nachhaltige Preisstabilität zugunsten der eignen Solvenz opfern.

Zu all diesen Schwierigkeiten kommt jetzt noch, dass Ben Bernanke voraussichtlich zum Jahresende als Zentralbankchef ausscheiden wird.[68] Als Architekt der amerikanischen Geldpolitik geht jetzt mitten in stürmischer See der Steuermann von Bord. Das führt zu zusätzlicher Verunsicherung, denn es ist keineswegs klar, dass es nicht aufgrund eines Personalwechsel auch zu einem Politikwechsle kommen könnte. Der Absturz der Börsen Kurse weltweit zeigt, dass man sich nicht mehr auf die Versicherung einer lame duck, die Ben Bernanke jetzt ist, verlassen will. Man geht von einer Zinswende aus.[69] Die Party des billigen Geldes ist damit vorbei.


6 Gedanken zu „Bernanke, die Fed und das Ende der unorthodoxen Geldpolitik

  1. Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich habe mich jüngst mit demselben Thema beschäftig. Es stellte sich mir die Frage ob eine hohe Inflation (Hyperinflation) oder eine Deflation schlimmer ist. Betrachtet man die Inflation, so wird man schnell feststellen, dass ein gewisses Maß für die Wirtschaft gesund ist. Steigt diese jedoch über eine gewisse Höhe (Hyperinflation) so ist sie immens bedrohlich. In einer gesunden Wirtschaft wird es immer Konjunkturzyklen geben. Je nach Zyklus herrscht entweder eine Inflation oder Deflation vor. Erst der Eingriff seitens der Staaten / Zentralbanken mithilfe der Geldpolitik führt zum ausufern beider Seiten. Die Ursache für eine hohe Inflation (Hyperinflation) wird immer in der Geldpolitik gelegt. Eine normale und gesunde Deflationsphase (Wirtschaftsabschwung) wird in der Regel nicht zugelassen. Die Zentralbanken versuchen diese Phase mit der Geldpolitik zu umgehen. Die daraus resultierende expansive Geldpolitik stellt die Grundlage für eine Hyperinflation dar. Einer sehr hohen Inflationsphase geht somit meist eine Deflationsphase voraus, auch wenn diese durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist. Ob eine jetzt Deflationsphase oder eine hohe Inflationsphase schlimmer ist, kann meiner Meinung nicht eindeutig beantwortet werden. Bei einer Hyperinflation kann ein Neustart (in der Regel ein Währungsneustart) schneller vonstattengehen. Die Auswirkungen finden hierbei in einem sehr kurzen Zeitfenster statt. Das Endergebnis einer Deflation ist meist nichts anderes … jedoch wird der Crash in der Regel nach hinten verschoben …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s