Vor der Zinswende?

Der Gedanke, dass die nun seit rund fünf Jahren andauernde Phase extrem niedriger Zinsen zu Ende gehen könnte, lässt die globalen Finanzmärkte erzittern. [1] Schließlich hängen die derzeitigen Börsenhöchststände und wieder auf astronomische Höhen gestiegenen Immobilienpreis von dem billigen Geld ab, mit dem die Finanzmärkte versorgt werden. „Ohne Moos nix los“, wissen auch die Börsenhändler und Hedgefond-Manager nur allzu gut. Alles hängt an den Geldpumpen rund um den Globus, die mit ihrer Liquidität die Finanzmärkte in eine neue Finanzblase getrieben haben. Die reale Wirtschaft ist schon längst wieder hinter dieser Entwicklung zurückgeblieben.  Das weltweite Wirtschaftswachstum beginnt immer mehr zurückzugehen, da die Exzesse der letzten Jahre auf den hochspekulativen Märkten weltweit sich nicht mehr fortsetzen lassen.  Der IWF hat bereits für dieses und das kommende Jahr seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft und insbesondre auch die USA gekappt.[2] Auch in Europa und Japan sieht es weiterhin trübe aus.[3] Abenomics hat seinen Glanz innerhalb weniger Monate eingebüßt.[4] Die BRICS angeführt von China leiden gleichfalls unter einem Growth-Hang-over.  Mithin fehlt es an Wachstumskräften weltweit, die die Wachstumsschwäche der G20-Staaten abfangen könnte. Von dem G8-Gipfeltreffen in Nordirland wird man auch keine sensationellen Beschlüsse diesbezüglich erwarten dürfen.[5] Zwar findet eine moderate erneute defizitfinanzierte Ausweitung der Staatsnachfrage einschließlich auch Deutschlands[6] in Europa statt, aber das mildert nur den Abschwung in dem die EU derzeit bereits steckt.[7] Von einem klaren Konjunkturaufschwung ist man noch lange Zeit entfernt.

Inflationserwartungen und Zinsrisiko

Die Risiken kommen derzeit eher von der Zinsseite, da der Anker der Inflationserwartungen nicht mehr fest sitzt. Nach einer aktuellen Umfrage von Deloitte, CFO Survey 2013, unter Entscheidungsträgern aus Deutschland (CFO – Chief Financial Officers) rechnet eine deutliche Mehrheit mit einer Inflationsbeschleunigung. Aus der Umfrage kam  heraus, dass die Inflationserwartung der CFOs für die kommenden drei Jahre folgendermaßen verteilt ist.

mit 0-0,9% rechnet niemand, d.h. eine Deflation wird ausgeschlossen.

Mit 1-1,9% rechnen nur 19% der Befragten,

mit 2-2,9% 42%,

mit 3-3,9% 35%,

und darüber nur 4% der Befragten.

Mithin erwartet die Mehrheit der deutschen Manager Inflationsraten zwischen 2 und 4 Prozent in den kommenden drei Jahren. Warum liest man darüber nichts in der Presse oder hört davon in den Nachrichten?

Deutschland hat ja im Zuge der Krise extrem niedrige Zinsen am Markt durchsetzen können. Ein moderater Zinsanstieg wäre mithin nur ein Zeichen einer Normalisierung.

Die Antwort könnte sein, weil eine solche Veränderung in den Inflationserwartungen die Geldpolitik unter Druck setzen wird. Bei einer deutlichen Inflationsbeschleunigung kann man die lockere Geldpolitik mit dem Hinweis auf eine Preisstabilität um 2 Prozent nicht mehr länger rechtfertigen. Zudem reagieren die Finanzmärkte insbesondere bei festverzinslichen Papieren mit längerer Laufzeit natürlich darauf und heben die Zinsen an.

Fragilität Asiens wächst

Selbst die chinesische Zentralbank musste jetzt die Erfahrung machen, dass man seine Papiere bei den niedrigen Zinssätzen nicht mehr am Markt platzieren konnte.[8] In Asien ist die Fragilität sowieso besonders hoch. Japan mit seiner exorbitanten Staatsverschuldung könnte einen drastischen Zinsanstieg kaum verkraften. Nach überschlägiger Rechnung würden Zinssätze von 2,8% im Durchschnitt für japanischen Staatsanleihen einen jährlichen Zinsdienst nach sich ziehen, der dem Gesamtbudget der japanischen Regierung entspräche. Ein Horrorszenario.

Aber auch zahlreiche kleinere Länder wie Singapur, Thailand, Malaysia sowie Südkorea befinden sich aufgrund fragiler Finanzsysteme in einem prekären Zustand. Zudem findet derzeit eine Baisse im Bereich der Konsumelektronik statt.[9] Der Immobilienboom der vergangenen Jahre hat das Preisniveau auf ein Niveau getrieben, wo es kaum noch einen Spielraum nach oben gibt. Verändern sich die langfristigen Zinskonditionen, dann werden geplante Immobilienprojekte platzen und die Refinanzierung auslaufender Immobiliendarlehen wird deutlich teurer. Hinzu kommt, dass wegen der nachlassenden Wirtschaftsdynamik in Asien auch der Rohstoffboom nachlässt. Das bekommt insbesondere auch Australien bereits seit Mitte letzten Jahres zu spüren.[10]

In einem System globaler offener Finanzmärkte können sich weltweit steigende Zinsen als gefährliche Brandzünder erweisen. Schließlich hat man sich ja eine Wirtschaftsstruktur aufgrund der langanhaltenden Niedrigzinspolitik geschaffen, die nur mit solchen Finanzierungsbedingungen überleben kann. Hayek nannte diese Form von Fehlinvestitionen auch Malinvestments, d.h. die sich für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum negativ auswirken werden.[11] Wer eben eine Goldmine betreibt oder erschließt, die nur bei einem Goldpreis von mehr als 1.500 US-Dollar pro Feinunze rentabel sein kann, der macht jetzt schon Verluste. Wer Erdöl und Erdgas aus der Tiefsee fördern will und auf einen steigenden Ölpreis oberhalb von 100 US-Dollar pro Barrel angewiesen ist, der wird aufgrund des Angebots von billigem Schieferöl aus den USA nicht mehr wirtschaftlich sein können,[12] Solche negativen Preisschocks machen eben schlagartig Investitionen, die auf Kredit finanziert worden sind, unrentabel und damit wertlos.

Ebenso ging es ja auch im Fall der Photovoltaik, wo China gewaltige Überkapazitäten aufgebaut hat, die es am heimischen Markt nicht auslasten kann.[13] Man muss dann schon tiefe Taschen haben, um eine solche Phase von Fehlinvestitionen überstehen zu können. Diese Erfahrung musste ja auch Thyssen-Krupp mit seinen Investitionen Stahlwerke in Brasilien machen.[14] Wegen einer weltweiten Schwäche am Stahlmarkt sind solche kapitalintensiven Anlagen als erste unrentabel, wenn sie nicht entsprechend ausgelastet werden können. Mithin hat die Politik des ultra-billigen Geldes zahlreiche Investoren rund um den Globus verführt in Projekte zu investieren, die sich am Ende nicht rechnen werden. Malinvestments eben.

Öffentliche Haushalte nicht auf höhere Zinskosten vorbereitet

Des Weiteren hat die Geldpolitik dazu beigetragen, dass ein unerlässlicher Konsolidierungsbedarf in zahlreichen Kommunalhaushalten zeitlich verschoben werden konnte. Man konnte weiter aufgrund niedriger Zinsen auf Pump leben. Die Stadt Detroit schlingert bereits am Rande einer Totalpleite.[15] Zahlreiche weitere Kommunen in den USA werden folgen, da bereits die drohenden Insolvenzen die Zinsen für solche Anleihen steigen lassen. Die US-Zentralregierung kann jedoch aufgrund des Sequesters kaum Beistand leisten.[16] Eine mittelfristige Finanzplanung und sogar ein ordentlicher Haushalt ist bisher beim total zerstrittenen US-Kongress nicht in Sicht. Entziehen die internationalen Finanzmärkte daher den USA ihr Vertrauen, dann könnte dies hinsichtlich der Zinsentwicklung fatale Folgen nach sich ziehen.[17] Steigende langfristige Zinsen aufgrund steigender Kreditausfallrisiken bei gleichzeitiger Desinflation in den USA ist ein brisanter Cocktail.

Letztendlich versuchen Unternehmen ja Verluste in einzelnen Geschäftsfeldern durch Preisanhebungen in anderen – wo sie Marktmacht besitzen – auszugleichen. Das führt zwangsläufig zu heterogenen Preisentwicklungen.

Die Gesamtinflationsrate zeigt diese Scherenbewegung nicht rechtzeitig an. Auch im Automobilmarkt herrschen bereits bis auf das Premiumsegment erhebliche Überkapazitäten. Japanische Autohersteller liefern sich bereits in den USA und Europa Preiskämpfe mit den dortigen Herstellern.[18] Sinkende Absatzzahlen der US-Hersteller in Detroit und damit sinkende Steuereinnahmen haben ja nicht zuletzt auch zum Debakel der Stadt beigetragen.[19]

Ausblick ist negativ

Es verwundert daher nicht, dass der wirtschaftliche Ausblick für die kommenden achtzehn Monate negativ ausfällt. Es gibt zu viele Fragilitäten in der Weltwirtschaft, die bei einem krisenhaften Ausbruch an der einen oder anderen Stelle rasch zu Ansteckungseffekten führen können. Dies findet in einer Situation statt, wo den meisten Regierungen und Staaten finanziell die Hände gebunden sind. Man hat sich noch längst nicht vom letzten Crash des Jahres 2008 erholt.

Allein der Finanzsektor angeführt von den großen globalen Investmentbanken ist in den alten Schlendrian zurückgefallen und feiert einen Exzess nach dem anderen. Die Reregulierung der globalen Finanzmarktarchitektur ist gescheitert. Die Mäuse tanzen weiterhin trotz der Katzen auf den Tischen. Die Zinswende wird so leicht zum Trigger einer erneuten Finanz- und Wirtschaftskrise.


24 Gedanken zu „Vor der Zinswende?

  1. DIe Unruhen in der Türkei haben auch eine ökonomische Dimension. Der Wirtschaftsboom mit einer gewaltigen Immobilienblase geht seinem Ende entgegen. Das Leistungsbilanzdefizit wird für dieses Jahr auf -5,7% des BIP in diesem Jahr derzeit geschätzt. Das ist international ein Spitzenwert. Mithin könnte eine Leistungsbilanzkrise der Türkei drohen.

    http://www.economist.com/news/economic-and-financial-indicators/21579500-trade-exchange-rates-budget-balances-and-interest-rates

    http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/unruhen-am-bosporus-deutsche-wirtschaft-warnt-erdogan/8364190.html

    Deutschland ist einer der wichtigsten Wirtschaftspartner der Türkei.

  2. Der Abgang von Helicopter-Ben könnte auch ein Zeichen für einen geldpolitiuschen Richtungswechsel sein.

    http://www.bloomberg.com/news/2013-06-18/obama-says-bernanke-fed-term-lasting-longer-than-he-wanted-1-.html

    Fragt sich nur in welche Richtung?

    http://www.voxeu.org/article/helicopter-money-policy-option

    http://www.voxeu.org/article/case-4-inflation

    http://www.voxeu.org/article/augmented-inflation-targeting-le-roi-est-mort-vive-le-roi

    http://www.voxeu.org/article/inflation-targeting-dead-central-banking-after-crisis

    Offenbar plant man bereits seit längerem eine Reflationspolitik zum Abbau von Altschuldenlasten der Staaten und zur Stabilisierung sozialer Sicherungssysteme durch Kürzung von entsprechenden Transferzahlungen mittels einer Inflationssteuer.

  3. DIe USA haben weiterhin niedrige Inflationsraten beim CPI, aber eine wachsende Aktien- und Immobilienblase und stetig wachsende Staatsverschuldung. Das Geld landet in den falschen Taschen, denen der Reichen.

    http://www.bloomberg.com/news/2013-06-19/inflation-at-53-year-low-gives-bernanke-time-to-press-on-with-qe.html

    Hinzu kommt, dass das Geld aus QE die Inflation in den Schwellen- und Entwicklungsländern antreibt. Die drohen nun als erste der Kollateralschaden der QE-Politik von Bernanke zu werden. Bernanke hat genau da weiter gemacht, wo Alan Greenspan als Bubble Maker aufgehört hat.

    http://www.economist.com/news/finance-and-economics/21579461-prospect-less-quantitative-easing-america-has-rocked-currency-and-bond

    http://go.bloomberg.com/market-now/2013/06/19/listen-to-the-fed/

    Es ist wie bei einem Testflieger der zu waghalsige Kapriolen fliegt, plötzlich reißt die Strömung ab und das Flugzeug bzw. der Hubschrauber gerät ins trudeln.

  4. Pingback: Bernanke, die Fed und das Ende der unorthodoxen Geldpolitik | My Blog

  5. Pingback: Erdogan sucht Sündenbock für Wirtschaftskrise und soziale Unruhen | My Blog

  6. Pingback: 行動電源

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