Schöne neue Welt: Die Humankapital-Lüge

Aldous  Huxley hat in seinem Roman Schöne neue Welt, im Jahr 1932 eine Gesellschaft beschrieben, in der „Stabilität, Frieden und Freiheit“ gewährleistet scheinen.[1] Es ist eine Kastengesellschaft, in der die Alpha-Plus die andren dauerhaft als Führungselite dominieren. Zementiert wird das System durch Gen-Manipulationen.  Soweit sind wir derzeit noch nicht, aber das Prinzip Chancengleichheit in allen Gesellschaften wird immer weiter ausgehöhlt.[2] Unser Grundgesetz[3] postuliert zwar immer noch, dass gemäß Artikel 3 GG[4] niemand wegen seiner Herkunft benachteiligt werden dürfte, aber die Realität sieht deutlich anders aus. Chancengleichheit insbesondere auch gleiche Bildungschancen werden immer mehr zu einer Fiktion in unserer Gesellschaft.[5]  Zum Glück ist Deutschland bisher dem neoliberalen Trend in den angelsächsischen Ländern nicht gefolgt, dass der Zugang zu höherer Bildung von den jeweiligen Studenten neben dem Lebensunterhalt auch hoch durch hohe Studiengebühren[6] belastet werden soll. Wer also keine wohlhabenden Eltern hat, wird insbesondere auch in den USA und Großbritannien zu einer hohen Privatverschuldung zur Finanzierung seiner Ausbildung gezwungen oder er muss auf eine solche Ausbildung verzichten. Das hat im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise dort dazu geführt, dass im großem Umfang Studenten, die ihr Studium auf Bildungskrediten finanziert hatten, die Privatinsolvenz droht oder sie bereits in diese abgeglitten sind. Bisher galt das Dogma, dass wer eine gute Ausbildung hat, weitgehend ohne Probleme ein gut bezahlte Beschäftigung findet, so dass er die Bildungskredite auch zurückzahlen kann. Seit Ausbruch der Krise ist das nicht mehr die Regel. Die sogenannten Student Loans[7] sind für deren Finanzier so zu Toxic Papers geworden. Insbesondere der Student-Loan-Finanzierer Sally Mae[8] in den USA ist jetzt in große Schwierigkeiten geraten.[9] Insgesamt steht das Kreditvolumen der Student Loans in den USA bei über 1 Billion US-Dollar.[10] Auf der Gegenseite sind die Beschäftigungsperspektiven in den USA alles andere als rosig.[11] Rund die Hälfte der Absolventen arbeitet in Jobs, die einen College-Abschluss nicht benötigen, d.h. wenn sich die Lage nicht deutlich verbessert, erweist sich ihre Ausbildung als Fehlinvestition.[12] Die erwartbaren Einkommen aufgrund eines höheren Bildungsabschlusses sinken, die Schulden aus Bildungskrediten bleiben.[13] Das könnte zum Platzen der Bildungskreditblase in den USA führen.[14] Eine weitere Konsequenz wäre, dass das gesamte Finanzierungssystem der höheren Bildung in den USA in eine fundamentale Krise geriete. Hohe Kreditausfallrisiken bei Bildungskrediten ziehen eben früher oder später höhere Zinskosten nach sich. Zudem dürfte die Kreditgewährung immer geringer ausfallen. Was Mittelständlern als Kreditklemme nur allzu bekannt ist, dürfte auch den Bereich der höheren Bildung bald erreichen. [15] Ein weiterer Faktor ist die rasante Inflation bei den Studiengebühren[16] (tuition fee inflation).[17] Insbesondere Spitzenuniversitäten fordern Studiengebühren, die für ärmere Studenten unbezahlbar sind.[18] So musste ein Student an der Harvard Universität im Jahr 2012 Studiengebühren von 38.000  bis 40.000 US-Dollar pro Semester berappen. Die Chancen für ein Stipendium (Peel Grant[19])an diesen Eliteinstitutionen sind weitaus geringer als bisher gedacht.[20] Mithin wird der Zugang zu diesen Top-Institutionen für Studenten aus ärmeren Familien immer mehr unmöglich gemacht. Chancengleichheit in der höheren Bildung wird so zu einer Fiktion.

Folgen einer Theorie

Mit dem Konzept Humankapital[21] aus den Wirtschaftswissenschaften wurde eine ideologische Grundlage dafür geschaffen, dass sich Bildung als Investition immer auszahlen würde. Wissen als Ressource sollte gemäß den AK-Modellen[22] der neuen Wachstumstheorie[23] das Wirtschaftswachstum aufgrund steigender Skalenerträge durch kontinuierliche Investitionen insbesondere in Humankapital dauerhaft ad infinitum fortgesetzt werden können. Die Bildungsrenditen aus Investitionen in Humankapital sollten konstant aufgrund der Wissensproduktion nicht dem Gesetz eines sinkenden Grenzertrags unterliegen.[24] Überinvestitionen in Humankapital respektive Bildung sollten qua Annahme nicht auftreten können. In dem diese Sichtweise zu einer allgemeinen wirtschaftspolitischen Ideologie geworden sind, kam offenbar in den zurückliegenden Jahrzehnten ein Prozess der Überinvestition in Humankapital statt. Die an Massenuniversitäten in immer größeren Zahlen ausgebildeten Studentengenerationen mussten jedoch eine ganz andere Erfahrung machen. Der Wert ihrer Bildungsabschlüsse sank stetig.

Ob Diplom, BA oder MA die Einkommenserwartungen und Beschäftigungschancen einschließlich Karrierewege wurden immer geringen bzw. steiler.  Die Realität ist immer weniger mit den Modellannahmen der Humankapitalmodelle in Einklang zu bringen.

Die Absorptionsfähigkeit der Arbeitsmärkte für junge Hochschulabsolventen wird immer schwieriger.[25]  Das mag in Deutschland noch nicht so erkennbar sein, aber dort wo die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt stockt wie auch in den Krisenländern der Eurozone oder erst recht in den Ländern des arabischen Frühlings ist die Krise umso handgreiflicher. Dort haben ärmere Familien oftmals ihre ganze Hoffnung in die bessere Ausbildung ihrer Kinder gesetzt und entsprechend sie finanziell unterstützt, um jetzt feststellen zu müssen, dass sich ihre Bemühungen als wertlos erweisen. Das schafft ein erhebliches soziales Sprengpotential für soziale Unruhen.

Nur wer Zusatzqualifikationen, Bildungsabschlüsse an Eliteinstitutionen, etc. vorweisen kann, darf sich noch Hoffnungen auf eine Karriere in die Spitzenpositionen von Wirtschaft und Gesellschaft machen. Es entstand eine Genration Praktikum, die durch weitere Zusatzqualifikationen sich doch noch den Weg nach oben freikämpfen wollen. [26] Gegen diejenigen, die mit Gelée Royal[27] ihrer Eltern gefüttert werden, sind sie oftmals chancenlos. Der Vorwurf einer Segregation in der Gesellschaft bei denen die von bildungsfernen und armen Familien geboren sind, gewinnt immer mehr statistische Evidenz.[28]

Zudem haben besser Qualifizierte  die Chance sich vor Arbeitslosigkeit besser zu schützen als schlecht qualifizierte Arbeitskräfte, da sie mit ihnen um deren schlechter bezahlte Jobs erfolgreich konkurrieren können, aber es ändert nichts an der Desillusionierung, dass höhere Bildung ihnen den Weg zum gesellschaftlichen Aufstieg quasi garantiert.[29] Die Unruhen, die auch jetzt derzeit Länder wie Schweden[30] oder die Türkei [31]erschüttern, entzünden sich oftmals an vergleichsweise geringfügigen Anlässen, aber sie sind das Ventil mit dem sich Ängste insbesondere der Jugendlichen entladen, die sich um ihre Zukunftsperspektiven in ihrer Gesellschaft betrogen fühlen. Die soziale Krise findet dabei an zwei Enden der sozialen Schichtung statt. Die, die bereits in die totale Perspektivlosigkeit abgeglitten sind, und, die, die sich um ihre Aufstiegsperspektiven betrogen fühlen. Der massive Anstieg der weltweiten Jugendarbeitslosigkeit wird zu einem wachsenden Sprengsatz für die Weltgesellschaft.[32] Aldous Huxley mag mit seiner düsteren Zukunftsvision nicht in allen Teilen recht behalten haben, aber die Grundzüge einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung ohne echte Chancengleichheit hat er richtig erkannt.


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16 Gedanken zu „Schöne neue Welt: Die Humankapital-Lüge

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