Das Hazard-Spiel von Abenomics

Mit Abenomics[1] wird die derzeitige Politik von Shinzo Abe[2] bezeichnet. Offiziell will Abe die japanische Wirtschaft dadurch wieder in Schwung bringen, in dem er durch monetäre Staatsfinanzierung eine Reflationierung[3] der japanischen Wirtschaft wieder herbeiführt. Soweit so gut. Schließlich hat Japan seit mehr als zwei Jahrzehnten eine leicht deflationäre Preisentwicklung zu verzeichnen gehabt. Allerdings bleibt so etwas nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Japanische Exportwirtschaft boomt

Zum einen führt diese Politik parallel dazu, dass der Yen gegenüber seinen anderen Handelspartnern drastisch abgewertet hat.[4] Das heißt aber auch, dass die Reflationierungspolitik Japans die anderen Länder unmittelbar belastet. Einer der Hauptleidtragenden dürfte Deutschland sein, da entsprechend seinem Spezialisierungsmuster Deutschland mit Japan insbesondere im Automobilbau und Maschinenbau mit Japan konkurriert.

Mithin was die Exportwirtschaft in Japan antreibt[5], d.h. die deutlich gestiegene preisliche Wettbewerbsfähigkeit japanischer Hersteller, bedroht zugleich die zahlreicher seiner Handelspartner insbesondere auch Deutschland. Toyota contra VW konnte schlagwortartig die Parole lauten. Wie lange die anderen Handelspartner diese Beggar-thy-neighbor-Politik hinnehmen bleibt abzuwarten. Auf dem letzten G7-Gipfel wurde Japan bereits erneut zu mehr Zurückhaltung ermahnt.[6] Ob die japanische Regierung sich davon beeindrucken lässt, bleibt abzuwarten.

Die japanische Börse boomt

Ein weiterer positiver Effekt für die japanische Wirtschaft, dass diese Entwicklung einen Börsen-Boom am japanischen Aktienmarkt ausgelöst hat.[7] Seit November 2012 ist bis Mai 2013 der Nikkei-Index von 9000 auf 15.000 Punkte angestiegen. Mithin haben japanische börsennotierte Unternehmen drastisch an Wert insbesondere im Inland gewonnen. Für ausländische Investoren hingegen ist der Wechselkurseffekt der Yen-Abwertung abzuziehen.

Japanische Staatschuldverschreibungen verlieren drastisch an Wert

Der Boom an der japanischen Börse hat jedoch auch einen negativen Effekt. Wie die Ökonomen immer wieder betonen, on the hand … on the other hand …, führt diese Entwicklung dazu, dass alle Anleger, inländische wie ausländische aus japanischen Staatsschuldverschreibungen flüchten. Für Ausländer ist derzeit der Kauf japanischer Staatschuldverschreibungen insbesondere deshalb unattraktiv, weil neben die niedrigen Zinserträge die Yen-Abwertung zu massiven Verlusten führen. Aber auch für japanische Anleger sind japanische Staatschuldverschreibungen deutlich unattraktiver als Anlagen in japanische Aktien geworden. Im Jahresvergleich haben japanische Staatschuldverschreibungen bereits 14 Prozent an Wert eingebüßt.[8] Mithin ist die japanische Regierung vollständig auf die Finanzierung ihrer hohen Staatsdefizite durch die Notenpresse angewiesen.

Investorenstreik bei japanischen Staatschuldverschreibungen

Bei der jetzt weiterhin rasant steigenden Staatsverschuldung in jeweiligen Preisen und solange eine deutliche höhere Inflationsrate keinen negativen Realzins im Sinne einer finanziellen Repression [9] schafft, steigt die Staatsverschuldung progressiv an und es gibt immer weniger private Anleger die verlustreichen Staatspapiere noch halten wollen. Kommt es zu einer Panik, dann könnte es zu einer äußerst kritischen Situation für die japanischen Staatsfinanzen kommen.[10] Bereits jetzt wird Anlegervertrauen verspielt.  Das Problem ist, dass Japan ja seine gigantische Staatsverschuldung von voraussichtlich 245 Prozent[11]  ja refinanzieren muss. Die bisherigen Anleger dürften aufgrund der bereits jetzt eingetreten Verluste dazu nicht mehr bereit sein. Da, um Zinskosten zu sparen, die Staatsschulden Japans überwiegend kurzfristig mit Laufzeiten von ein bis zwei Jahren finanziert worden sind, muss eben neben der Neuverschuldung auch die Refinanzierung der Altschulden am Kapitalmarkt gelingen oder die Notenpresse muss immer schneller laufen. Damit droht jedoch aus der leicht deflationären Preisentwicklung eine rasche Inflationierung mit akzellerierenden Inflationsraten zu werden.  Statt eines allmählichen Inflationsanstiegs auf etwa 2 Prozent wie in anderen Ländern auch, könnte es zu einem dramatischen Überschießen kommen.

Teilweise kann ja die Flucht aus Staatschuldverschreibungen in Aktien in Japan bereits als Absicherung gegen solche Inflationsbesteuerung angesehen werden.

Nachfrage der privaten Haushalte in Japan bricht mittelfristig ein

Bereits jetzt wurde durch die Anhebung der Verbrauchsteuern im August 2012 der private Verbrauch in Japan belastet.[12] Hinzu kommen Preissteigerungen von Importgütern wie insbesondere Rohöl, die sich ja automatisch durch die Yen-Abwertung verteuern. All dies senkt die Kaufkraft der japanischen Bevölkerung. Kommen jetzt noch Laufkraftverluste durch eine Reflationierung hinzu, dann könnte dies die Binnennachfrage in Japan entscheidend schwächen. Gelingt keine Kaufkraftausgleich, dann sinkt entsprechend parallel zur Inflationsentwicklung der private Verbrauch.  Kurzfristig mag dieser Effekt durch einen vorgezogenen Konsum überdeckt werden, da ja die Verbraucher, wenn sie steigende Preise erwarten, insbesondere den Kauf langlebiger Konsumgüter vorziehen werden, da diese ja potentiell teuer werden.

Da Japans Wirtschaft sehr viel stärker von der Binnenkonjunktur als beispielsweise Deutschland abhängig ist, wäre dies letztendlich  fatal.

Demographischer Wandel

Japan zählt zu denjenigen Ländern mit der höchsten Lebenserwartung. [13] Die Babyboomer-Generation in Japan geht in den kommenden Jahren in Rente.  Die Alterssicherung ist im Unterschied weitaus weniger durch ein Umlageverfahren abgesichert als durch eine Kapitaldeckung, die oftmals durch private Ersparnisse, die in Staatschuldverschreibungen angelegt wurden, erfolgt ist. Damit dürften die japanischen Rentner am stärksten von den Verlusten der jetzigen Geld- und Finanzpolitik der Abenomics betroffen sein.  Weniger Alterseinkommen kann einerseits zu zusätzliche Sparanstrengungen aber eher in Aktien als in Staatsschuldverschreibungen führen. Das dampft jedoch zunehmend den privaten Verbrauch. Zugleich kann es aber einfach wegen geringerer Alterseinkommen auch direkt zu einer Einschränkung der Konsumausgaben der Alten kommen, da sie gar keine andere Wahl haben als sich einzuschränken. Dieser demographische Faktor dürfte sich in den kommenden Jahren immer stärker bemerkbar machen.[14] Es kommt wohl insgesamt aufgrund dieser Situation zu einer nachhaltig sinkenden Sparquote in Japan.[15]

Diese Entwicklung mag vorübergehend durch die Reflationierung nicht unmittelbar erkennbar sein, aber sie wird sich dann immer deutlicher durchsetzen. Allein ein positiver Einkommenseffekt aufgrund höheren Wirtschaftswachstums, der auch die Massenkaufkraft stärkt könnte dies kompensieren helfen. Ob ein solcher Effekt eintritt bleibt abzuwarten.

Währungskrieg macht die Anfangserfolge rasch zu Nichte

Was zunächst die japanische Wirtschaft auf einen Wachstumsschub verliehen hat, könnte bei entsprechen Gegenreaktionen seiner Handelspartner in Form von Abwertungswettläufen rasch wieder verloren gehen.[16] Alternativ könnte – wenn beispielsweise die USA Japan als Währungsmanipulator offiziell brandmarkt – Strafzölle und andere Handelssanktionen ergriffen werden. Beides würde schockartig Japan Wirtschaft in eine Krise stürzen. Der Auslandabsatz würde unerwartet plötzlich einbrechen. Ähnliche Reaktionen sind ja bereits auch aus China beobachtbar. Dort führte der  Streit um die Senkaku-Inseln bereits zu einem Boykott japanischer Waren in China.[17]

Resümee

Abenomics ist ein Hazard-Spiel mit zahlreichen Unbekannten. Die jetzt beobachtbaren kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolge können sich rasch als Strohfeuer erweisen. Die Rebound-Effekte könnten dagegen das Ergebnis letztendlich ins Negative abgleiten lassen. Letztendlich erleben wir derzeit ein gewaltiges wirtschaftspolitisches Experiment mit äußerst ungewissem Ausgang. Eine nachhaltige Konsolidierung der japanischen Wirtschaft ist jedenfalls nicht absehbar. Am Ende könnte die japanische Regierung die Rechnung ohne zahlreiche Wirte gemacht haben. Insbesondere das Ausland und die japanischen Konsumenten werden ein entscheidendes Wörtchen , mitzureden bzw. besser mit gestalten haben. Es gilt der alte Grundsatz: „Know your partners and/or your enemies“.


8 Gedanken zu „Das Hazard-Spiel von Abenomics

  1. Zeit zum Jubeln?

    http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/anstieg-der-industrieproduktion-japans-aggressive-witschaftspolitik-traegt-fruechte/8279830.html

    „Bei den Arbeitslosenzahlen gab es im April keine Änderung. Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote Japans stagnierte bei 4,1 Prozent, wie das Innenministerium mitteilte. Experten hatten auch mit dieser Rate gerechnet. Die Zahl neuer Stellenangebote kletterte binnen Jahresfrist um 10,5 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stand aber ein Minus von 0,1 Prozent.

    Ein großes Problem bleibt die Deflation in Japan: Die Verbraucherpreise gehen weiter nach unten. Im April gab es den sechsten Rückgang in Folge, wie Regierungsdaten zeigten. Demnach betrug das Minus in der Kernrate wie von Analysten erwartet 0,4 Prozent. In der Kernrate werden zwar Energiepreise berücksichtigt, nicht aber die stark schwankenden Preise für bestimmte Nahrungsmittel. Die Daten unterstreichen, dass es für die japanische Notenbank im Kampf gegen die Deflation sehr schwer sein wird, mit ihrer Geldpolitik die angestrebte Inflation von zwei Prozent zu erreichen.“ ebenda

    Es dürfte sehr schwierig sein, eine über rund zwei Jahrzehnte etablierte Struktur der Wirtschaft kurzfristig zu durchbrechen.
    Zudem ist völlig offen, ob sich ein Inflationsziel so einfach unter den Abenomics-Bedingungen daminstrieren lässt. Overshooting, wenn dann die Inflation eisnetzen sollte, ist quasi vorprogrammiert.
    Der weitere kaum abzuschätzende Effekt ist, ob sich die Einkommen in Form der Massenkaufkraft deutlich verbessern. Die Preis-Lohn-Spiral ist aber die Grundvoraussetzung damit Japan aus der Deflationsfalle sich befreien kann. Unternehmen freuen sich ja über höhere Gewinne im Export und durch zusätzliche staatliche Nachfrage, aber geben sie diese Gewinne auch an ihre Beschäftigten auch durch höhere Lohn- und Gehaltssteigerungen auch weiter? Geiz ist ja bekanntlich auch da geil. Sowenig wie die Banken ihre niedrigen Refinanzierungskosten durch niedrige Zentralbankzinsen weitgehend auch an ihre Kunden bei den Kreditzinsen weitergegeben haben, könnte es hier bei der Lohn- und Gehaltsentwicklung zum neuralgischen Punkt kommen. Die Gewinne der japanischen Unternehmen steigen zwar, aber nicht die Einkommen der Bevölkerung.

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