Vom inklusiven zum extraktiven Kapitalismus

Der derzeit vor sich hin schwelende globale Wirtschafts- und Finanzkrise fehlt ein umfassendes Deutungsmodell. Vielleicht hat es ja Daron Acemoglu[1] und James Robinson mit ihrem Buch, Why Nations Fail – The Origins of Power, Prosperity and Poverty[2] – dt. Warum Nationen scheitern :  Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut[3], geliefert.  Zentrale These ist, dass das Kernproblem in der Herrschaft von Eliten und deren Institutionen ist, die entweder extraktiv das Land und die Bevölkerung zu ihrem eigenen Vorteil ausbeuten oder inklusiv durch eine partizipatorische Beteiligung aller Bürger dem Gemeinwohl verpflichtet sind und damit letztendlich auch Wirtschaftswachstum und Wohlstandsmehrung ankurbeln. An zahlreichen historischen Fallbeispielen aus allen Teilen der Welt erläutert sie diese Grundthese.

Inklusive Eliten und Institutionen                               

Dabei gilt die Entwicklung in der westlichen Welt dafür, dass es dort aufgrund besonderer historischer Zufälle und daraus veränderter Machtverhältnisse dazu gekommen ist, dass sich eine demokratische und marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung herausbilden konnte. In anderen Teilen der Welt hat dieser Transformationsprozess nicht stattgefunden und damit die große Wohlstandslücke entstehen lassen.[4] Neben der Einkommensungleichheit[5] spielt die zunehmende Vermögenskonzentration eine zentrale Rolle.  Bisher herrschte insbesondere in Westeuropa und Japan noch eine vergleichsweise geringe Einkommenskonzentration im Verhältnis zu anderen Teilen der Welt. Aber auch hier hat seit mindestens zwei Jahrzehnten eine schrittweise Zunahme der Einkommensungleichheit eingesetzt.[6]

Die Hinwendung zu extraktiven Eliten und Institutionen auch in Westeuropa

Die heftigen Auseinandersetzungen um den aktuellen 4. Reichtums- und Armutsbericht[7] der Bundesregierung[8], der jetzt in „korrigierter“ Form endlich veröffentlicht wurde, macht dies deutlich. Hinzu kommt eine zunehmende Überschuldung von Millionen Bürgern auch in Deutschland.[9] In den Krisenländern Europas aber auch in den USA ist die Lage sogar noch deutlich dramatischer. Millionen Menschen haben dort ihre Beschäftigung [10]und ihre Häuser und Wohnungen verloren. Trotz dieser sich dramatisch verschlechternden sozialen Verhältnisse gelingt es der Politik nicht, das zunehmend auf eigenen Einkommens- und Vermögensgewinn ausgerichtete Verhalten seiner Eliten unter Kontrolle zu bringen. Steuerflucht ist zu einer endemischen Geisteshaltung insbesondere großer internationaler Unternehmen und reicher Vermögens- und Einkommensbezieher geworden.[11] Bisherige Versuche dies nachhaltig einzudämmen können auf wenig Erfolg zur Einsicht bei den Adressaten rechnen. [12] Managergehälter und Boni von Investmentbankern in Europa [13] und den USA[14] sind weiterhin nicht unter Kontrolle. Die soziale Symmetrie gerät immer mehr aus dem Gleichgewicht. Selbst einem der Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, ist diese Entwicklung unheimlich geworden.[15] Erleben wir derzeit, um in der Terminologie von Acemoglu zu bleiben, jetzt eine Transformation von einer Gesellschaft mit inklusiven Institutionen und entsprechend ausgerichteten Eliten hin zu einer von extraktiven Eliten getriebenen Gesellschaft mit extraktiven Institutionen? Sollte dem so sein, dann sieht unsere Zukunft düster aus. Wir befänden uns in einem Prozess der unweigerlich die Errungenschaften der letzten beiden Jahrunderte aus Spiel setzt.


Advertisements

3 Gedanken zu „Vom inklusiven zum extraktiven Kapitalismus

  1. Pingback: Deckel auf Manager-Boni in der EU kommt | My Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s