Zentrum und Peripherie im Zeitalter der Globalisierung: Der Fall Griechenland

Die derzeitige Krise der Eurozone und darüber hinaus der EU ist ein Teilaspekt der Entwicklung des globalen Kapitalismus zu interpretieren. Europa mit seiner politischen Organisation  der Europäischen Union ist im globalen Wettbewerb nur wettbewerbsfähig, wenn es sich zu einer politisch nach innen wie nach außen handlungsfähigen Organisation zusammenfügt. Dem steht aber die Tradition des nationalen und regionalen Partikularismus der einzelnen Mitgliedsländer entgegen. Es dominiert weiterhin das Bewußtsein Franzose oder Deutscher oder sogar Bayer oder Katalane zu sein. Bewußtseinsmäßig ist das Europäer-Bewußtsein sekundär.

Globale tektonische Verschiebung

In einer Welt der derzeit rund 7 Milliarden Menschen und weiter auf 8 Milliarden um die Jahrhundertmitte wachsend führt dazu, dass selbst ein Wirtschaftsraum mit rund 500 Millionen Menschen in Europa ja nur weniger als 7 Prozent der Weltbevölkerung repräsentiert. Dieser Anteil ist tendenziell weiter schrumpfend. Demgegenüber steigen diese Anteile weiterhin in den BRICS-Staaten und den USA.

Sah der Nationalsozialismus unter Hitler noch die Deutschen als Volk ohne Raum, entwickelt sich Europa eher jetzt insgesamt in die entgegengesetzte Richtung als ein Raum mit sinkender indigener Bevölkerung, die nur durch eine wachsende Zuwanderung aus dem armen Länder der Peripherie stabilisiert werden kann.

War bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts Europa noch eine Region die mittels Bevölkerungsüberschuss via Auswanderung dieser in andere Teile der Welt insbesondere nach Nord- und Südamerika und Australien sowie Afrika transferiert, d.h. durch Verdrängung der dort sesshaften indigenen Bevölkerung besiedelte, kehrt sich dieser Prozess spätestens seit Mitte des letzten Jahrhunderts um.

Damit verschieben sich auch die Machtzentren weltweit. Der Wohlstand des Westens gemessen durch das Bruttoinlandsprodukt insbesondere in Europa schrumpft relativ zur übrigen Welt. Der Prozess der Eurosklerose setzte ein.

Herausbildung einer neuen Struktur von Zentrum und Peripherie in Zuge der Globalisierung

Innerhalb der Europäischen Union und seines organisatorischen Kerns der Eurozone führt die Beseitigung interner Marktschranken dazu, dass es zu einer zunehmenden Agglomeration entsprechend der wirtschaftlichen Stärke der Standorte kommt.

Der neoliberale Standortwettbewerb macht prinzipiell die Starken stärker und die Schwachen schwächer. Hier spielen locational scale und scope Effekte eine zentrale Rolle. Die räumliche Konzentration schafft globale Wettbewerbsvorteile wie das bereits beim Wettbewerb zwischen Stadt und Land seit der Frühzeit zu beobachten war.

Urbane Zentren der Kommunikation und der globalen Handels waren schon immer diejenigen privilegierten Standorte gegenüber den ländlichen Zonen der Peripherie, die bestenfalls als Hinterland noch ihre wirtschaftliche Bedeutung zur Absicherung der Metropolen wahrnehmen konnten.

Die fortschreitende wirtschaftliche Integration Europas schafft damit einen zunehmenden sich verschärfenden Widerspruch zwischen den Wirtschaftszentren und der Peripherie auch innerhalb der der Europäischen Union. Es kommt zu einer kumulativen Machtverschiebung, die ganze EU-Mitgliedsländer weitgehend marginalisiert, d.h. zur Peripherie innerhalb der EU werden läßt.

Der Fall Griechenland                                                                                     

Griechenland ist ein Modellfall dafür. Wer also das Drama Griechenland verstehen will, muss es in diesen Kontext einordnen. Griechenland ist dem wachsenden Wettbewerbsdruck sowohl innerhalb aber auch außerhalb der EU nicht mehr gewachsen. Es wird zunehmend in die Rolle des Hinterlands gedrängt.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der wachsenden wirtschaftlichen Integration dieser Länder in das europäische Wirtschaftssystem hat Griechenland als ehemaliger Frontstand gegenüber dem Ostblock seine Rolle aus Sicht des Westens weitgehend eingebüßt. War Griechenland als Nato-Partner im kalten Krieg noch von hoher strategischer Bedeutung, so ist diese seit den 1990er Jahren weitgehend obsolet geworden. Die Fronten zwischen Ost und West haben sich deutlich weiter nach Osten verschoben.

Mithin ist aber eine Subventionierung Griechenlands als Frontstaat des Westens auch immer weniger sinnvoll und erforderlich. Die wirtschaftlichen Privilegien in Form von Transfers werden damit auch immer weniger aus Sicht der Zentrumsstaaten der EU sinnvoll. Griechenland hat hier einen entscheidenden Bedeutungsverlust erlitten. Griechenland verkommt immer mehr zur Sonnenbank der Nordländer und als Antikenmuseum Europas, das sich gerne seiner historischen Wurzeln an den antiken Stätten erinnert.

Schon die Ursprünge des neuzeitlichen Tourismus machte Griechenland zu einer der Hauptdestinationen  auf der Grand-Tour des 18. Und 19. Jahrhunderts. Damit verbunden ist eine Romantik seit Beginn der Renaissance als Ursprung der westlichen Zivilisation. Leider reicht das aber nicht aus, um in der Moderne eine attraktive Perspektive für Griechenland zu entwickeln.

Historische Wurzeln des Staatsversagen in Griechenland

Souveräne Eigenstaatlichkeit hat in Griechenland schon seit dem Niedergang der griechischen Stadtstaaten und dem Zusammenbruch des Großreichs unter Alexander dem Großen nicht mehr gekannt. Danach wurde es in das römische Imperium integriert. War Teil des oströmischen Imperiums unter der Führung von Byzanz und danach durch die Eroberung durch die Osmanen Teil des osmanischen Imperiums.

Zu all diesen Zeiten war das was heute das griechische Territorium umfasst ein peripherer Teil von Großreiche, die von anderen Destinationen und Gesellschaften regiert wurden. Erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangte im Zuge der Ostexpansion der europäischen Mächte im Zuge ihres Imperialismus und dem damit verbundenen Niedergang des Osmanen Imperiums als Pufferstaat zwischen den westeuropäischen Interessen und dem Osmanen Reich seine Unabhängigkeit bezeichnenderweise unter der Regentschaft eines bayrischen Königs.[1]

Als Frontstaat des Westens gegen das Osmanen Reich konnte es auf politische und wirtschaftliche Unterstützung der Westmächte insbesondere Großbritanniens rechnen. Mit dem Zerfall des Osmanen Reichs nach dem ersten Weltkrieg entstand kurzfristig die Illusion Griechenland könnte an seine historischen Wurzeln aus der Antike anknüpfend sich zu einer regionalen Großmacht im östlichen Mittelmehrraum aufschwingen. Mit der Vertreibung der Griechen durch Ata Türk von der vorderasiatischen Halbinsel war diese Hoffnung dann jedoch rasch beerdigt worden.

Im Zuge der Rivalität zwischen der Sowjetunion und dem Westen gewann die Türkei nicht zuletzt wegen der Kontrolle der Dardanellen eine vorrangige Bedeutung für den Westen zur Eindämmung des Kommunismus. Erst als im Zuge des zweiten Weltkriegs die Sowjetunion seinen Machtbereich bis an die Grenzen Griechenlands und Jugoslawiens als Nachfolgestaat des zerfallenen österreich-ungarischen Imperiums ausdehnte gewann Griechenland wieder seine Bedeutung als Frontstaat gegen den Kommunismus zurück. Es wurde daher auch zu einem frühen Nato-Mitgliedsstaat und Empfänger von Marshallplan-Finanzhilfen. Diese Funktion ging jedoch mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion erneut verloren. Griechenland erlitt erneut einen Bedeutungsverlust im System des Westens. Damit sank jedoch schrittweise die Transferbereitschaft des Westens, die in Griechenland ein blühendes System des Nepotismus und staatlicher Korruption sich hatte entwickeln lassen.[2]

Der jetzige wirtschaftliche Zusammenbruch Griechenland sollte daher in diesem Kontext gesehen werden. War der Westen bis zum Ausbruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise  im Jahr 2008 bereit Griechenland massiv zu alimentieren, so ist dies aufgrund der eigenen internen Wirtschafts- und Finanzkrise der EU und Eurozone nicht länger möglich. Die Sponsoren Griechenlands kündigen ihre Sponsorenverträge und lassen so ein Land in einem darauf aufbauenden Wirtschaftssystem im Chaos zurück. Soweit der Stand der Dinge.

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2 Gedanken zu „Zentrum und Peripherie im Zeitalter der Globalisierung: Der Fall Griechenland

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