Tarifabschluss von Ver.di: 6,3 Prozent? Völliger Unsinn!

Die Informationen über den jetzt erzielten Tarifabschluss im öffentlichen Dienst entbehren nicht einer gewissen Ironie. Entweder herrscht in den Wirtschaftsredaktionen der Medien eine völlige Unkenntnis über die Grundsätze der Finanzmathematik oder man versucht bewusst die breite Öffentlichkeit zu täuschen. Der jetzt erzielte Tarifabschluss wird mit 6,3 Prozent auf eine Laufzeit von zwei Jahren beziffert.[1] Dabei gelten 3,5 Prozent Lohn- und Gehaltserhöhung rückwirkend vom 1.März 2012. Weitere 1,4 Prozent werden ab dem 1. Januar 2013 fällig und schlussendlich nochmals 1,4 Prozent ab August 2013. Addiert man die Prozentsätze einfach auf dann ergibt sich nach Adam Riese 3,5 plus 1,4 plus 1,4 = 6,3 Prozent. Aber darf man so rechnen?

Umrechnung von Monatsverzinsungen auf Jahreszinssätze

Die korrekte Rechnung sieht etwas anders aus. Für das Jahr 2012 ergibt sich, dass die ersten zwei Monate keine Erhöhung gewährt wird, d.h. der Zinssatz für diese Monate ist Null und der entsprechende Zinsfaktor Eins. Für die verbleibenden zehn Monate kommen dann die besagten 3,5 Prozent hinzu. Der dazu gehörige Jahreszins für 2012 beträgt dann 2,9 Prozent.

2/12 * 1 + 10/12 * (1 + 0,035) = 1,029

Für das folgende Jahr 2013 gilt entsprechend ein Jahreszins von 2 Prozent.

7/12 * (1 + 0,014) + 5/12 * (1 + 0,028) = 1,02

Kumuliert man dann diese beiden Jahreswerte für 2012 und 2013 erhält man als Gesamtsteigerung 5 Prozent.

1,029 * 1,02 = 1,05

Mithin beträgt die Gesamtsteigerung nicht 6,3 Prozent, sondern nur 5 Prozent. Unterstellt man eine jährliche Inflationsrate von 2 Prozent, dann bleibt ein kümmerlicher realer Zuwachs von einem Prozent für zwei Jahre oder rund 0,5 Prozent übrig. Viel Lärm um nichts.

Offene Frage: Wie hoch ist die Inflation in 2012 und 2013?

Sollte die Inflationsrate noch etwas höher als 2 Prozent ausfallen – im Monat Februar 2012 lag sie laut Statischem Bundesamt bei 2,3 Prozent – dann dürfte auch davon nicht viel übrigbleiben. Hinzu kommt der überproportionalen Steueranstieg bei einer progressiven Einkommensbesteuerung der mittleren Einkommen, dann bleibt auch hier vom Nettoeinkommen noch weniger übrig. Von einem unvertretbar hohen Lohn- und Gehaltsanstieg kann also keine Rede sein.[2] Alles Theaterdonner. Die Angestellten im öffentlichen Dienst haben bestenfalls eine Kaufkraftsicherung ihrer Einkommen zu erwarten. Mehr nicht. Folgt man den jüngsten Berechnungen von Wolfgang Brachinger, dass die Inflationsrate zukünftig bei effektiv 4 Prozent liegen wird[3], dann dürfte die reale Kaufkraft auch weiter sinken. Das wird rasch deutlich, wenn man die langlebigen Konsumgüter einmal aus der Inflationsberechnung herauslässt und nur die Güter und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs im Warenkorb berücksichtigt. Was nützt es dem normalen Autofahrer, wenn derzeit die Preis beim Neuwagenkauf durch Rabatte gesenkt werden, wenn gleichzeitig der Benzin- bzw. Dieselpreis auf vorher ungekannt Höhen steigt? Solange er derzeit keinen Neuwagen kauft Garnichts. Die sogenannte gefühlte Inflation beruht ja genau auf dem Effekt, dass die laufenden Ausgaben aufgrund der dort stattfindenden Preissteigerungen höher als die der offiziellen Preissteigerungsrate für den privaten Verbrauch liegen.[4]

Bleibt die Frage warum alle Jahre wieder die breite Öffentlichkeit mit solchen Milchmädchenrechnungen irrgeführt wird. Können Sie mir die Frage beantworten? Es kann doch wohl nicht sein, dass hier von denjenigen die Fachkompetenz besitzen sollte, die Grundrechenregeln der Finanzmathematik nicht beherrscht werden.

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Ein Gedanke zu „Tarifabschluss von Ver.di: 6,3 Prozent? Völliger Unsinn!

  1. So ist es, beschi….wird immer der „kleine Mann“. Ich bin Rentner. Bekomme in diesem Jahr satte 2,3 % – nach mehreren sog. Nullrunden. Wenn ich dann die obenstehende Berechnung ansehe und eine Inflationsrate von 4 %, dann weiss ich wieder, wer der Dumme ist.
    Entschieden werden diese enormen Erhöhungen von Menschen, die in keiner Weise betroffen sind. Toll.

    Zurück zum ÖD. Von der Gewerkschaft hätte ich erwartet, dass sie den Grundbetrag von 200 Euro durchgesetzt und den Prozentsatz bei den höheren Lohn- und Gehaltsstufen verhandelbar gehalten hätte. So klafft die Schere wieder weiter auseinander. Aber haben die Funktionäre ev. auch was von dieser Erhöhung? – dann verstehe ich das Ergebnis.

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