Draghi und die Geld-Börse

Es ist schon ein Skandal, dass die EZB unter dem Vorwand die Bankenkrise verhindern zu wollen, immer wieder Liquidität zu quasi Nullzinsen – nominal wohlgemerkt – den Geschäftsbanken zur Verfügung stellt. Nachdem kurzfristige sogenannte Mengentender[1] nicht mehr ausreichen, um den Liquiditätsbedarf der Geschäftsbanken zu decken, werden jetzt sogar die Laufzeit dieser Papiere auf drei Jahre ausgeweitet.[2] Damit überschreitet die EZB unter der Führung von Mario Draghi erneut eine rote Linie. Sie beginnt die Geschäftsbanken der Eurozone langfristig zu finanzieren. Das hat aber mit Liquiditätsversorgung überhaupt nichts mehr zu tun. So wenig es ihre Aufgabe ist, die Staatshaushalte durch den Einsatz ihrer Notenpresse zu finanzieren, sowenig ist es ihre Aufgabe die Geschäftsbanken durch die Notenpresse zu finanzieren. Ihre Aufgabe ist einzig und allein kurzfristige Liquiditätsengpässe einzelner Banken als Lender-of-last resort unter deutlich höheren Zinskosten als am Markt üblich zu refinanzieren. Beides ist hier nicht der Fall und damit überschreitet die EZB erneut ihr Mandat.

Marktversagen an den Börsen

Das Börsengeschehen sollte grundsätzlich dazu dienen durch eine Bewertung einzelner Aktiengesellschaften und anderer Wertpapiere aufgrund von Angebot und Nachfrage so zu bewerten, dass eine möglichst effiziente Bewertung anhand der Informationen über diese Unternehmen oder der jeweiligen Wertpapiere erfolgt. Diese Aufgabe erfüllen die Börsen derzeit immer weniger. Stattdessen erleben wir politische Börsen, d.h. je nachdem wie viel Geld die Staaten über Defititsausgaben/-senkungen ausgeben und seitens der Geldpolitik zu nahezu Nullzinsen mittels der Zentralbanken zur Verfügung stellen, steigen oder fallen die Kurse auf breiter Front. Die Börsen sind derzeit vorrangig liquiditätsgetrieben, d.h. fließt mehr Geld ins System dann steigen die Kurse, versiegt dieser Zustrom sinken sie. Die relativen Kursbewegungen an der Börse spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Man kann deshalb auch von einer Geldbörse im übertragenen Sinne sprechen.

Diese Situation führt zu einer gefährlichen Geldillusion.[3] Letztendlich füttert die EZB wie auch zuvor die Fed in den USA eine spekulative Finanzblase. Wie bei jedem Ponzi-Scheme oder Pilotenspiel ?a al Madoff ist der Betrüger nur solange solvent solange er genügend gläubige Anleger findet, die ihm Liquidität zur Verfügung stellen, um seine laufenden Zahlungsverbindlichkeiten abzudecken.

Was tun die Geschäftsbanken? Sie nehmen das Zentralbankgeld dankend an und legen es in reale Vermögenswerte an oder sie spekulieren an den Derivatemärkten, um noch höhere Gewinne zu erzielen. Marx hat das mal das Geld heckende Geld genannt. Geld dient dann eben nicht mehr als Transaktionsmittel, sondern dem rastlosen Streben nach einer wachsenden Geldkapitalverwertung. Beide Kanäle haben durchaus negative Effekte. Eigentlich sollte ja durch die Kreditgewährung an private Schuldner die realwirtschaft mit Liquidität versorgt werden, aber natürlich spielt der Preis hier eine entscheidende Rolle. Wenn zwischen den Nullzinsen als Sollzinsen und den Kreditzinsen als Habenzinsen ein gewaltiger Zinsspread existiert, dann kann das nicht nur als angemessene Risikoprämie gedeutet werden, sondern als Marktversagen. Durch das quasi-Monopol der Geschäftsbanken die Nichtbanken der Wirtschaft mit Liquidität zu versorgen, funktioniert der Geldmarkt nicht mehr richtig. Die Geschäftsbanken als Verkäufer von Liquidität nützen ihre Marktmacht aus, um exorbitante Renditen zu erzielen. Mithin ist der Marktmechanismus zwischen Zentralbankzinsen und Zinsen am privaten Kapitalmarkt fundamental gestört. Trotz historisch einmalig niedriger Zinsen kommen diese Zinskosten beim Endkunden nicht an. Stattdessen weitet sich der Zinsspread sogar noch aus.

Umgekehrt schaffen Unsicherheiten über die makroökonomische Stabilität des gesamten Finanzsystems ein Fehlverhalten der Marktteilnehmer insbesondere der Geschäftsbanken. Es findet eine Fristentransformation von langfristigen in kurzfristige Anlagemöglichkeiten statt. Weil niemand halbwegs verlässliche Erwartungen über längere Zeiträume über die Finanzstabilität mehr haben kann, wird nur noch kurzfristig spekuliert. Der Derivatemarkt ist dafür das geeignete Substitut. Geld fließt nicht mehr direkt oder auch nur indirekt in und durch die Realwirtschaft, sondern vorwiegend in einen spekulativen Geldkreislauf. Geld verwertet sich selbst zumindest in den Köpfen der Marktteilnehmer. Buchwerte, die keinerlei Fundierung mehr in der Realwirtschaft haben, werden als reales Vermögen akzeptiert. Gleichzeitig findet ein massiver Vermögenstransfer zwischen den Besitzern von Realvermögen und denen die die Liquidität, d.h. das Geldvermögen kontrollieren statt. Auch wenn das Bargeld quasi wertlos ist, kann man dafür Realwerte erwerben. Solange die Geldillusion in der Bevölkerung bestand hat, funktioniert dieser Mechanismus. Erst wenn durch eine Beschleunigung der Inflation die Geldentwertung allgemein offensichtlich wird, bricht dieses System rasch in sich zusammen. Was Draghi & Co derzeit praktizieren, ist, man testet die Grenzen des Systems. Kein Wunder, wenn Stark da nicht mehr mitspielen will.[4] Schließlich droht den Tätern der EZB – sollte die Inflationsblase platzen – der Fluch der Menschen, die sie mit ihrer Politik um ihr Hab und Gut betrogen haben, wenn nicht persönlich schlimmeres.

Mit der derzeit verfolgten Politik der EZB hat das Umverteilungsspiel von den Schuldnerländern auf die Gläubigerländer der Eurozone, von den ausländischen Geldgebern außerhalb der Eurozone zu den Ländern der Eureozone, von den Zoombie-Geschäftsbanken auf anderen Anleger einschließlich der Zentralbanken eine neue Dimension erreicht. Man kann diese Situation auch als repressed Hyperinflation bezeichnen.

Solange die Geldillusion noch trägt, lässt sich unter immer größeren Einsatz finanzieller Mittel ein kurzzeitiger Stabilisierungseffekt erreichen. d.h. das Regime der Geld-Börse regiert noch. Leider lässt sich dieses Spiel nicht ad infinitum fortsetzen. Man hat die Finanzmärkte in ein fatales fragiles Gleichgewicht geführt, dass stoppt der Geldzufluss oder bricht die Geldillusion zusammen wie ein Hefeteig der Zugluft bekommt in sich zusammenfallen wird. Na dann, Prosit Neujahr.

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7 Gedanken zu „Draghi und die Geld-Börse

  1. Das Wunder einer Börsenralley stellt sich jedoch nicht ein. Gestern noch 3plus Prozent heute schon wieder Rockgang?

    Offenbar gibt es auch immer wieder Insider, die von der großen Sause vorher etwas wissen, sonst hätte ja der Kursanstieg gestern erst heute stattfinden können. Soviel zur Transparenz der Finanzmärkte. Offenbar sind sie für einige sehr viel Transparenter als für andere.

    http://www.comdirect.de/inf/indizes/detail/chart.html?timeSpan=1D&ID_NOTATION=20735

    Wen das das Analogon zum Quatitative Easing der Fed war, dann ist die Wirkung äußerst bescheiden. Jetzt darf man wohl gespannt sein, on die Bazooka die Zinskosten der Krisenländer senkt, wie behauptet wurde.

  2. Pingback: EZB: Geldregen gegen Kreditklemme? « Europa der Nationen

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