Pump-Kapitalismus am Ende

Der Pump-Kapitalismus beruht auch einer Vermögensillusion. Der Illusion, dass die Schuldner irgendwie und irgendwann ihre Schulden wie vereinbart mit Zins und Zinseszins zurückzahlen werden. Klar so sollte es sein, aber durch eine Methode des Risikotransfers der Gläubiger auf andere Gläubige ist das Risikobewußtsein in der Wirtschaft nachhaltig zerstört worden. Da Risiken im System ähnlich dem Satz der Erhaltung der Energie nicht verschwinden, sondern sich entsprechend ihrer Schadenswahrscheinlichkeit realisieren, geht es im derzeitigen Pump-Kapitalismus darum Wahrnehmungsversagen von Risiken durch Verschleierungsmechanismen zu erzeugen. Man erzeugt Risiken, reicht sie über einen Risikotransfermechanismus an andere mit gestörter Risikowahrnehmung weiter und streicht den Gewinn ohne Risiko ein. Mithin wird das Ganze zu einem Schwarzen Peter Spiel.

Behavioral Economics als Theorie des Fallenstellens

Dabei werden alle Tricks der Behavioral Economics also der Verhaltensökonomie gegen die ahnungslosen Wirtschaftssubjekte eingesetzt. Am deutlichsten wird dies bei Konsumentenkrediten. Man weiß, dass die Mehrheit der Menschen relativ ungebildet ist, was Kreditverträge, Finanzmathematik, etc. angeht. Es ist geradezu Prinzip der Schulausbildung, diese Bildungslücke in der breiten Bevölkerung zu pflegen. Derartige Themen kommen in den Lehrplänen unserer allgemeinbildenden Schulen nicht vor. Mithin ist es ein leichtes wie im Mittelalter das Bauernlegen den naiven Bürgern irgendwelche Finanzprodukte aufzuschwätzen, die viel versprechen und nichts halten. Die Subprime-Krise in den USA ist dafür Musterfall, ebenso die ganze New-Economy-Bubbles am Neuen Markt oder Privatisierungsprozesse à la Deutsche Telekom oder T-Mobile oder zahlreiche. Alterssicherungsverträge mittels Riester-Rente.[1]

Je höher die Rate der Zahlungsausfälle, default rate, und je niedriger die Rückgewinnungsquote, recovery rate, desto höher der Kreditzins. Bei Überziehungskrediten sind in Deutschland derzeit bereits 13 bis 16 Prozent üblich und verstoßen nach Gerichtsauffassung nicht gegen das Wucherverbot.[2] Nur gibt es immer weniger Konsumenten, die diese Zinssätze auf Dauer bedienen können.[3] Von diesen exorbitanten Zinssätzen sieht der Geldgeber, d.h. der Sparer am Ende nichts. Diese Zinserträge verschwinden durch Gebühren und Boni in den Taschen des Kreditgewerbes. Die Aktionäre werden mit mageren Dividenden, z.B. bei der Deutschen Bank, abgespeist.[4]

Kreditpyramide und Volterra-Lotka-Zyklus

Mit einer stetig wachsenden Kreditpyramide konnte man in den letzten Jahren einen Pump-Kapitalismus betreiben, der immer mehr private Haushalte in die Schuldenfalle getrieben hat.[5] Doch irgendwann geht das System nicht mehr weiter. Es ist wie im Volterra-Lotka-Modell.[6] Es gibt zu viele Kredithaie und zu wenig Beute. Man hat sich die eigene Grundlage entzogen. Die Folge, der Stuhltanz der Banken und Bankster ums Überleben findet jetzt direkt unter ihnen statt. Die Bankenpleitewelle mit Massenentlassungen wie an der Wall Street[7], der Londoner City oder im Frankfurter Bankenviertel[8] ist diese Stufe des derzeitigen Ungleichgewichts. Wie Hyman Minsky[9] bereits immer wieder betonte, der Finanzsektor ist notorisch instabil und neigt zu endogenen Exzessen. Tritt der Minsky-Moment[10] in Kraft, dann entdeckt die staunende breite Öffentlichkeit, dass hinter den schönen Zahlungsversprechen keine Zahlungsfähigkeit steht. Das ganze Kartenhaus fällt in sich zusammen und die Vermögensillusion verschwindet vorübergehend. Schlimmstenfalls endet es dann in einer Depression der Marktteilnehmer.

Die Staaten als größte Schuldner des Systems

Um soziale Krisen zu verhindern wurde der Sozialstaat immer weiter ausgebaut, aber zugleich dessen Finanzierung immer weiter vernachlässigt. Die Folge, die Staaten verschuldeten sich trendmäßig immer stärker bis auch bei ihnen die Schuldenfalle zuschnappt. Da es offenbar auch hier einen Herdeneffekt gegeben hat, sitzen die Wohlstandstaaten jetzt auf gewaltigen Staatsschuldenbergen, die man nicht mehr bedienen kann. Man ist wie die privaten Schuldner pleite und träumt von Schuldenerlass und Lastentransfers mittels Eurobonds. Derzeit erleben wir also eine simultane Schuldenkrise sowohl der privaten breiten Bevölkerungsschichten sowie der Staaten. Nur eine kleine Schicht von Milliardären oder Multimillionären ist noch liquide. Das führt geradewegs in die soziale Krise und in eine Umverteilungsdiskussion. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass es im Zuge der Systemkrise, eine geordnete Form der Schuldenerlasse und Umverteilung ist im System nicht vorgesehen ist – siehe Thema Staatsinsolvenz.[11] Jetzt ist das Geschrei groß und es fehlt an schmerzfreien Lösungen. Die Zahl der Kolletralschäden in Form von Arbeitslosen, Bankrotteuren oder anderweitig verarmten Bürgern wächst. Die Politik agiert wie Scheherazade, um ihr Leben zu retten, tischt sie der Bevölkerung jeden Tag ein neues Märchen auf. Doch irgendwann ist auch dieser Weg ausgereizt und dann kommt die Stunde der Wahrheit.


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3 Gedanken zu „Pump-Kapitalismus am Ende

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