Wolfgang Schäuble: Der Super-Spekulant

Die Financial Times Deutschland berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe, dass der Finanzminister ja wegen der historisch niedrigsten Zinssätze für Anleihen der Bundesrepublik ja sich Zinswetten leisten könnte, um Arbitragegeschäfte für die Füllung der Staatskasse zu nutzen. Die Zocker suchen weitere Zocker. Bei Zinssätzen für zehnjährige Bundeschatzbriefe wurden zuletzt 1,73% fällig. Bei einer aktuellen Inflationsrate (Verbraucherpreisindex August 2011 lag bei 2,4%), die höher als der aktuelle Zinssatz ist, bedeutet dies, dass Anleger sogar bereit sind, einen Substanzverlust ihres Anlagevermögens von 0,73% hinzunehmen. Offenbar fehlt es aus Sicht der Kapitalmärkte an attraktiveren Anlagemöglichkeiten. Die Nachfrage nach als solide eingeschätzten Bundesschatzbriefen ist höher als das Angebot und lässt die Zinssätze derzeit purzeln.

Dabei ist Schäuble längst ein Super-Spekulant

Mit den gewaltigen Bürgschaften für Griechenland von derzeit 22 Mrd. Euro aus dem Rettungspaket I ist der Finanzminister jedoch bereits jetzt in das Geschäft mit Zinswetten eingestiegen. Er wettet halt mit Steuergeldern, dass Griechenland nicht pleitegeht und seine Zinsen, die deutlich höher als derzeit für Bundesschatzbriefe sind, auch vollständig begleichen kann. Man rühmt ja auch Schäuble als Zinsspekulanten, wenn man immer wieder betont, dass derzeit – d.h. vor einer potentiellen Griechenland-Pleite – man ja Zinsgewinne verbuchen kann. Das ist aber eine seltsame Logik, wenn man das Staatspleiterisiko einfach ausklammert. Geht Griechenland pleite, dann wird die Erfolgsbilanz rasch negativ. Mithin bleibt ein Rettungspaket eine Wette, dass der Schuldner nicht in die Staatsinsolvenz abgleitet. So brutal einfach ist das Ganze. Da niemand derzeit mit Sicherheit sagen kann, ob und wann eine Staatsinsolvenz Griechenlands stattfindet, ist unser Finanzminister bereits unter die Zocker gegangen.

Ist Schäuble und Merkel der Spielsucht anheimgefallen?

Spielsucht besteht darin, dass der Spieler kein Ende findet, selbst wenn er hohe Verluste hat hinnehmen müssen. Er lebt in dem Wahn, dass er am Ende doch noch das Glück hat mit hohem Gewinn das Kasino verlassen zu können. Betrachtet man die Entwicklung der Griechenland-Hilfe, dann wird offensichtlich, dass seit anderthalb Jahren die Chancen Griechenlands ohne Staatspleite aus der Schuldenkrise herauszukommen immer geringer geworden sind. Was zu Beginn noch undenkbar war, eine Staatspleite, wird heute offen auf der politischen Bühne diskutiert. Wer unter diesen Umständen immer noch glaubt, dass Griechenland nicht pleitegehen kann, der leidet unter Realitätsverlust. Weil man aber das Ergebnis ja selbst in der Hand hat, schließlich kann man ja den Griechen weiter Steuergelder zur Finanzierung ihres Ponzi-Schemas zur Verfügung stellen, d.h. mit frischem Geld werden die fälligen Zinszahlungen aus den Altschulden bedient, glaubt man die Öffentlichkeit über das Debakel der Rettungsmaßnahmen täuschen zu können. Würde Schäuble am Ende die bereits aufgelaufenen hohen Verluste (Deutschlands Hilfskredite und Bürgschaften für Griechenland abzüglich der bereits erfolgten Zinszahlungen auf diese Kredite) eine Exit-Strategie wählen, d.h. das Spiel beenden, müsste er die Verluste aus der gescheiterten Rettung Griechenlands gegenüber den Bürgern in Deutschland rechtfertigen. Da er das nicht will – eigentlich ein Grund zurückzutreten – macht er munter weiter. Das Prinzip-Hoffnung soll es richten. Man wartet schlicht auf ein Wunder. Das ist aber typisch, wenn man in einer Sackgasse steckt und ohne Gesichtsverlust nicht mehr umkehren will.

Der Horror des Scheiterns

Überzogene Erwartungen sind Teil der menschlichen Natur. Im Bereich der Verhaltensökonomie findet man ständig wieder Beispiele dafür, dass das Erkenntnisvermögen des Menschen eine Wahrnehmungsverzerrung hinsichtlich der Erfolgschancen aus seinem Tun unterliegt. Warnungen von Kritikern, dass man sich die Welt zu rosig ausmalt, d.h. zu optimistisch , werden wie im Falle Kassandras abgewehrt, seine eigenen Chancen bewertet man immer zu positiv. Erfolgsorientiert nennt man das manchmal auch, wenn es eher als Hazardeurtum bezeichnen sollte. Der Spieler verhöhnt seine Kritiker als Angsthasen, die Feiglinge sind. Die starke emotionale Reaktion vor dem Eigeständnis des persönlichen Scheiterns, zeigt auch bereits, dass hier Irrationalität gegenüber dem kühlen rationalen Kalkül gesiegt hat. Schopenhauer hat dies mit dem Dreiklang die Welt als Wille und Vorstellung neben dem objektiven Dasein analysiert. Es ist der Glaube mit schierer Willenskraft die Welt nach seinen Vorstellungen gestalten zu können. Das geht in der Regel schief.

Verlustvermeidung durch die Erhöhung der Einsätze

Spielsucht, die sich durch den Versuch Verluste durch die Erhöhung der Spieleinsätze wieder neutralisieren will, ist typisch bei Suchtkranken. Ob Jerome Kerviel, der Milliarden der Société Générale verzockte, ob Bernie Madoff, der dies mit den Vermögen seiner hoffnungsfrohen Anleger tat, oder wie aktuell bei der UBS Kweku Adoboli, immer wieder werden Spekulanten, denen der Konkurs droht, zu einem Weitermachen angetrieben. Man erhöht die Einsätze in der Hoffnung die bereits entstandenen Verluste kompensieren zu können.

Politiker sind hiergegen ebenso wenig immun. Ob Hitler, Saddam Hussein oder Gaddafi immer wird bis zum letzten gezockt. Eine Kapitulation vor dem totalen Zusammenbruch wird ausgeschlossen.

Katastrophenszenarien als Antreiber

Um der Öffentlichkeit die Alternativlosigkeit einer Wende oder Kapitulation auszureden, werden Katastrophenszenarien kolportiert. Wenn man nicht weitermache, dann droht der Untergang. Man schlüpft in die Rolle der Apokalyptiker und verkündet den Weltuntergang, wenn man nicht auf dem eigeschlagenen Weg fortfahre. Dabei ist eine Lehre, die wir aus all diesen Apokalypsen der Vergangenheit ziehen können, die, dass es immer auch nach einem Zusammenbruch eines hypertrophen Systems weitergegangen ist. Derzeit ist das System der globalen Finanzmärkte in Hypertrophie verfallen. Es kann mit den derzeitigen geringfügigen Maßnahmen nicht mehr stabilisiert werden. Alle Rettungspakete (Griechenland I und II, EFSF und ESM) sind keine Lösung des fundamentalen Problems einer Zurückführung des Zockersystems der multinationalen Großbanken. Weil man sich jedoch nicht zu einer fundamentalen Korrektur entschließen kann und will, werden die Probleme nur in die Zukunft verschoben und die Kosten von den Verlusten der Allgemeinheit aufgebürdet. Das wird jedoch kaum noch lange gutgehen.

Stehen wir vor der Wende in der Schuldendiskussion?

Die Revolte des ökonomischen Sachverstands (Issing, Stark, Weber, Weidmann, wissenschaftliche Beiräte des Finanzministeriums, Sachverständigenrates, Hans-Werner Sinn etc.)  gegen die falsche Politik der Bundesregierung, der EU-Kommission und der EZB) zeigt überdeutlich, dass es an einer rationalen Begründung für die jetzige Politik der ständigen Ausweitung der Rettungsschirme fehlt. Deutschland sollte den Münchhausen-Trick, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen zu wollen, nicht in praktische Politik umsetzen wollen. Der erste Schritte zur Rückkehr in die zugegebenermaßen triste Realität ist die de facto Pleite Griechenlands auch sich einzugestehen und Griechenland aus der Währungsunion zu entfernen. Schäuble sollte zurücktreten und aufhören den Mappus [1] zu machen. Der Weg, den man mit dem Versuch der Rettungsschirme eingeschlagen hat, war von Anfang an falsch. Soviel auch zu  den finanzpolitischen Leistungen des Herrn Steinbrück. Wie haben drei Jahre zur Konsolidierung und Neustrukturierung des Finanzsektors verloren. Wir werden Milliarden an vermeidbaren Verlusten abschreiben müssen. Soweit ihre Spielbilanz der Schäuble.
[1] „Warum nicht mit dem billigen Geld selbst den “Schbegulannden” geben, respektive: den “Mappus” machen? Baden-Württembergs Ex-Ministerpräsident hat das ordnungspolitische Tabu bereits 2010 gebrochen und den Energieversorger EnBW auf Pump gekauft, um mit den Dividenden den Zins zu zahlen. Geniale Rechnung, fand Mappus damals.“ http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/:zinsdifferenzgeschaefte-schbegulieren-mit-der-staatskasse/60104970.html

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