Globalisierung oder Wirtschaftsimperialismus?

Seit rund zwei Dekaden wird in der wirtschaftspolitischen Debatte der Begriff Globalisierung als Schlüsselbegriff verwendet, der als Legitimation für zahllose politische Entscheidungen herangezogen wird. „Den wirtschaftspolitischen Begriff der Globalisierung prägte Theodore Levitt (1925–2006), ein deutscher Emigrant und ehemaliger Professor an der Harvard Business School 1983 mit dem Artikel „The Globalization of Markets“ in der Harvard Business Review. Innerhalb des deutschsprachigen Raumes verbreitete sich diese Bedeutung des Terminus nach 1990 in der öffentlichen Debatte.“

Wird über Lohnsteigerungen insbesondere den Mindestlohn gestritten, wird der Abbau des Sozialstaats betrieben, muss Deutschland in Auslandseinsätzen von Afghanistan bis zum Horn von Somalia sich jetzt weltweit exponieren. Immer ist es die Globalisierung, die als Ursache für das Handeln dient. Wir sind und bleiben Gefangene der Globalisierung, so lautet das Mantra. Wer sich den Zwängen der Globalisierung nicht unterwirft, der wird scheitern. Andere werden uns von den Weltmärkten verdrängen.

Gibt es eigentlich einen signifikanten Unterschied zwischen beiden?

Im Unterschied zum Imperialismus scheint die Globalisierung ohne ein handelndes Subjekt auszukommen. Es sind die anonymen Märkte – ein Abstraktum -, dass alle Länder und Regierungen sowie die Unternehmen und die Bevölkerungen dazu zwingen sich der Globalisierung zu unterwerfen. Es ist gleichsam ein Imperialismus ohne Imperialisten. Dabei verwundert es, dass nicht die Hauptakteure mehr als Subjekte wahrgenommen werden. Die großen reichen Länder, die die Rangliste der großen Wirtschaftsmächte anführen, die großen multinationalen Unternehmen insbesondere auch der Finanzwelt oder die Superreichen wie Warren Buffett, alle diese Akteure werden in die Gemeinschaft der hilflos der Globalisierung ihren Tribut zu entrichten haben, der übrigen machtlosen Massen weltweit hinzugezählt. Die Akteure der Globalisierung verstecken sich – das war schon immer so – hinter Sachzwängen. Wie Merkel berufen sie sich auf Alternativlosigkeiten. Man folgt nur den Sachzwängen und betreibt Realpolitik. Das ist alles.

Die alten Imperialisten waren davor ehrlicher. Man bekannte sich zum Machtwillen andere Länder, Wirtschaftsräume und deren Bevölkerung zu beherrschen. Heute tut man dies ebenfalls, aber man dient nur einem Gott, der Globalisierung. Während im Zeitalter des Imperialismus insbesondere die europäischen Mächte in einem vorrangig politisch-militärisch Wettstreit miteinander waren, die übrige Welt unter sich aufzuteilen, findet diese Form des Wettstreits im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr mittels militärischer Interventionen vorrangig statt, sondern durch die wirtschaftliche Abhängigkeit, in die einzelne Länder von den Weltmärkten geraten. Daher hat der Wirtschaftsimperialismus den Vorrang vor dem, der durch militärische Macht versucht Länder unter Kontrolle zu bringen. Länder wie Vietnam, Irak, Afghanistan sind beredtes Beispiel für das Versagen der traditionellen Kanonenbootdiplomatie wie man das auch zynisch genannt hat.

Diese werden aber durchaus durch dominante Akteure aus Nordamerika, Europa und Asien beherrscht. Die Zahl der Wirtschaftsimperialisten ist größer und regional stärker diversifiziert. Die globalen Player, die sich in den zurückliegenden Dekaden immer weiter in fast alle Ecken der Welt durch Niederlassungen ausgebreitet haben, sind bemüht im wirtschaftlichen Wettbewerb ihre Dominanz auszubauen. Da diese multinationalen Konzerne, die längst ihre enge nationale Bindung aufgegeben haben – die Eigner der meisten Dax-Unternehmen sitzen in der Regel bereits im Ausland, die größere Zahl von deren Belegschaften arbeitet nicht mehr in Deutschland – sonders anderswo in der weiten Welt -, die Manager kommen wie die Spitzenspieler der Fußball-Bundesliga auch aus allen Teilen der Welt – spielt die nationale Folklore, die immer wieder aus Traditionsgründen herangezogen wird, um sich die Unterstützung ihrer historischen home base in Politik und Bevölkerung der Heimatländer zu sichern, eigentlich keine entscheidende Rolle mehr. Man gibt sich eben zunehmend als Weltbürger.

Nur ab und an, wenn man auf seinen Eroberungszügen allein nicht mehr weiter kommt besinnt man sich auf die Heimatländer. Die sollen dann bitteschön ihnen die erforderliche Unterstützung bei der Durchsetzung ihrer Interessen z.B. durch Exportbürgschaften à la Hermes-Bürgschaften oder politische Unterstützung bei ausländischen Regierungen z.B. bei Waffenexporten nach Saudi-Arabien gewähren.

Die Rangfolge zwischen Politik und Wirtschaft hat sich umgekehrt

Im Zeitalter des Imperialismus hatte die Politik den Vorrang vor den Wirtschaftsinteressen, wenn dies auch natürlich maßgeblich die politischen Interessen mitbestimmten. Im Zeitalter der Globalisierung hat sich diese Rangfolge umgedreht. Heute sind die großen Wirtschaftsunternehmen einschließlich der der Finanzwirtschaft sowie der Vermögenskonzentration in Form von Multimilliardären sowie der Hedge-Fonds die Köche der Globalisierung und die Kellner sind die Politiker. Mithin ist das Zeitalter der Globalisierung ein Zeitalter der Dominanz privater Mächte, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen, vor den öffentlichen Mächten, die soweit sie als demokratische Staatswesen verfasst sind, eher die die Rolle des dienenden geraten sind. Die Politik lebt von der Spendenbereitschaft der Wirtschaftsmächte, die sich der Besteuerung durch den Staat immer erfolgreicher entzieht. Da Reichtum und Macht aber positionale Werte darstellen, gibt es im Wettstreit um den größten Reichtum und die größte Macht keine natürliche Grenze, der individuellen Gier seine Privatimperien in Konkurrenz mit den anderen großen Wirtschaftsmächten auszubauen. Je höher die Konzentration auf wenige Spitzenakteure wird, umso heftiger wird der globale Wettstreit. Statt eines – wie in der traditionellen Handelstheorie unterstellten – fairen Austauschs zwischen Ländern im Außenhandel – Stichwort: Fair Trade – geht es zunehmend immer mehr um Beherrschung und Ohnmacht in den Wirtschaftsbeziehungen. Der Übermacht weniger steht die Ohnmacht der Mehrheit gegenüber. Das Demokratiemodell des Westens versagt vor den neuen Machtstrukturen, die sich immer weniger demokratisch legitimieren müssen. Wer die Globalisierung heute feiert, der der feiert eben zugleich den Sieg der privaten Wirtschaftsmacht weniger gegenüber der Ohnmacht der Mehrheit. Er feiert eben den ungezügelten Wirtschaftsimperialismus.

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