Ratingagenturen: Eine etwas konfuse Debatte

Erstens: Ratingagenturen haben versagt. Das stimmt insbesondere im Fall der Krise um Verbriefungen, die trotz impliziter hoher Risiken immer ein Top-Rating erhalten haben. Man kann hier durchaus von Gefälligkeitsratings sprechen. Zweitens: Ratingagenturen haben versagt rechtzeitig die Probleme der weltweit hohen Staatsschulden insbesondere in den führenden OECD-Ländern in ihren Ratings abzubilden. Drittens: Ratingagenturen würden aber erneut versagen, wenn sie jetzt auf Druck der verschiedenen Regierungen der betroffenen Länder und auch der EU-Kommission in Europa erneut Gefälligkeitsratings aufrechterhalten würden.

Was sollen eigentlich Ratingagenturen tun?

Ratingagenturen (engl. Credit rating agency; CRA) sind private und gewinnorientierte Unternehmen, die gewerbsmäßig die Kreditwürdigkeit (Bonität) von Unternehmen aller Branchen sowie von Staaten und deren untergeordneten Gebietskörperschaften bewerten und in einer Buchstabenkombination (Ratingcode) zusammenfassen, die in der Regel von AAA bzw. Aaa (beste Qualität) bis D (zahlungsunfähig) reicht.“

Dies schließt unvermeidbar Prognosen und Werturteile mit ein. Die jeweilige Ratingagentur muss ja immer wieder entscheiden, ob aufgrund der vorhandenen Informationen ein Zahlungsausfall mit einer bestimmten Zahlungsausfallwahrscheinlichkeit droht. Dabei stützt sie sich auf historische Erfahrungswerte – Mittelwerte aus vergangenen Unternehmens-, Branchen- und Länderzahlungsausfällen. Diese liegt bei völlig neuartigen Situationen wie Verbriefungen als Finanzinnovation oder Staatspleiten von führenden OECD-Ländern zumindest in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg so gut wie nicht vor. Mithin ist man darauf angewiesen mittels Szenarien sich ein Bild über zukünftige Entwicklungen zu machen. Schließlich ist Griechenland schon oft in der Vergangenheit pleite gegangen man hat also hierfür durchaus historische Vorbilder, aber eine Staatspleite Griechenland innerhalb einer Währungsunion ist schon eine Novität. Ähnliches gilt für Portugal, Irland, Spanien und Italien als potentiellen Pleitekandidaten.

Die Illusion ein Staat kann nicht Pleitegehen

Es gibt eben immer noch ein Dogma bei zahlreichen Ökonomen und Politikern, dass Staaten nicht pleitegehen können. Das verführt ja gerade Politiker dazu immer riskantere Staatsverschuldungsquoten und –defizite einzugehen. Man kann so glaubt man, sich ja durch Inflation, höhere Steuern und Ausgabenkürzungen später wieder aus der prekären Finanzlage befreien. Das dies unter bestimmten politischen Verhältnissen dann nicht realisierbar ist, ist dann die große Überraschung. Parlamente verweigern die Zustimmung zu höheren Steuern und Ausgabenkürzungen – eine Erfahrung die Obama in den USA gerade machen muss – oder selbst wenn per Gesetz de jure solche Kürzungen beschlossen werden, sind sie in der Realität nicht durchsetzbar. Etwas was viele Beobachter für Griechenland und andere Krisenstaaten voraussehen.

Die Ohnmacht der Politik gilt nicht nur für Demokratien – wie es viele Demokratiekritiker gerne sehen wollen – man schaue nur nach Russland, Weißrussland, Ukraine, Vietnam oder China. Auch dort kann man einen gesunden Staatshaushalt nicht einfach dekretieren. Wenn man mit seinen Planungen schief liegt, dann drohen bei massiver Kreditfinanzierung über mehr oder weniger marode Bankensysteme und/oder öffentliche Institutionen wie Lokal- und Provinzregierungen wie in China Verluste bis hin zu drei bis vierstelliger Milliardenhöhe – in US-Dollar wohlgemerkt. Verfehlte Wirtschafts- und Finanzpolitik hat am Ende insbesondere wenn man die Korrekturen um Jahre in die Zukunft verschiebt zu dramatischen Kosten, die sich eben auch bei der Kreditfinanzierung bemerkbar machen.

Ratingagenturen als Sündenböcke der Politik

Die Wut und der Ärger, der sich dann Bahn bricht suchen immer Sündenböcke. Die Ratingagenturen sind perfekt dafür geeignet. Sie sollen ja die verlässlichen Auguren für das Kreditausfallrisiko sein. Sind sie es nicht, dann haben sie eben versagt. Reagieren sie zu spät, dann werden sie gescholten, reagieren sie zu früh, dann werden sie ebenfalls gescholten. Letzteres ist immer dann der Fall wenn die vom negativen Rating betroffenen, sich über den Pessimismus entrüsten wo man doch selbst ein rosiges Bild der Zukunft mahlt.

Das angebliche Monopol oder besser Oligopol der drei großen Ratingagenturen existiert ja ebenfalls nicht. Es gibt sehr viel mehr. Nur haben die anderen eben nicht die Reputation wie die drei großen Fitch, Moody’s und Standard & Poor’s. Wenn man dann eben aufgrund dieser Reputation deren Ratings als verbindlich in offizielle Regulierungen und Anlageregeln macht, dann ist das nicht deren Schuld, sondern derjenigen die sie in diese Position gesetzt haben. Klar kann man jetzt auch eine weitere europäische Ratingagentur ins Leben rufen. Warum nicht? Aber wie würde denn deren Rating von den unabhängigen Finanzinvestoren angesehen werden, wenn sie wie Dagong China oder JCR Japan immer zu positiv bewertet, d.h. einen politische gewollten Home bias hätte. Klar das gilt auch für die drei großen, wenn es bisher um die USA oder Großbritannien ging. Aber wäre den Finanzinvestoren damit geholfen, wenn jede Regierung sich qua einer von ihr abhängigen Ratingagentur immer Top-Bewertungen geben ließe?

Das Problem ist der Schuldenstaat und nicht das Downgrading

Das Problem der Downgrades der Länder wie Griechenland, Portugal und Irland liegt ja nicht darin, dass sie jetzt herabgestuft werden, sondern darin, dass trotz jahrelanger Bemühungen eine echte Trendwende nicht absehbar ist. Übrigens räumen dies ja die Kritiker insbesondere im Fall Griechenland freimütig ein, wenn sie nicht gerade gegen die Ratingagenturen wettern. Griechenland hat massive strukturelle Defizite, eine nicht funktionierende Finanzverwaltung, kaum wettbewerbsfähige Produkte, eine ineffiziente Staatsbürokratie mit einem hohen Anteil an schlechtqualifizierten Arbeitskräften und Korruption überall. All dies verweist darauf, dass zusätzliche Kredite kaum zu einer wirkungsvollen Reform des Systems eingesetzt werden. Man hat ja bereits seit vielen Jahren Milliarden aus EU-Kassen nach Griechenland gepumpt. Das Ergebnis ist eine de facto Staatspleite trotz eines gewaltigen Rettungspakets I.

Portugal steht vor ähnlichen Problemen. Mit dem Abbau von Handelshemmnissen im Zuge der Uruguay-Runde insbesondere dem Auslaufen des Multifiberabkommens wurde Portugal als Billiglohnland insbesondere auch für die europäische Textilindustrie unattraktiv. Man fertigt heute lieber anderswo in China, Indien, Pakistan oder Ägypten.

Irland hat sich als Finanzplatz für internationale Banken, Versicherungen und Hedgefonds nicht zuletzt wegen schwacher Regulierungen dort ein gewaltiges Problem eingehandelt. Der Bailout sämtlicher Forderungen durch den irischen Staat ist kaum von ihm zu stemmen. Mithin müsste man sich auf die Tugend eines geschrumpften Finanzplatzes besinnen und kleine Brötchen als bisher backen. Aber ist man tatsächlich bereit dazu? Entsprechend ließe sich hier die Liste noch erheblich verlängern.

Eigentlich ist den Ratingagenturen die große Geduld vorzuwerfen, bei klar erkennbaren Fehlentwicklungen noch eine hohe Bonität den jeweiligen Ländern zuzuerkennen. Das war offenbar nur möglich, weil man implizit den Bailout durch die anderen Länder wie Deutschland, die Niederlande, etc. als lender-of-last-resort innerhalb der EU bzw. Eurozone unterstellt hat.

Seitdem hier von Merkel & Co eine mangelnde Bereitschaft diese Bürden zu tragen erkennbar geworden ist, geht’s mit den genannten Schuldenstaaten einschließlich der Ratings rapide bergab. Ein Fehler der Ratingagenturen? Nur sehr bedingt. Ein Schuld Deutschland? Ebenfalls nur sehr bedingt. Man war ja durch nichts dazu verpflichtet. Es war also ein hohes Risiko diesen Bailout einfach sowohl bei den betroffenen Ländern wie auch bei den Ratingagenturen zu unterstellen.

Die ganze Debatte wäre vermutlich nicht so erbittert, wenn es eben nicht die weltweite Epidemie einer sowohl im Privatsektor als auch im öffentlichen Sektor basierten Schuldenwirtschaft gäbe, die jetzt vor dem Zusammenbruch steht.

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