Italien: Jeder bekommt was er verdient

Die Italiener haben schon lange gelernt mit schlechten Regierungen zu überleben. Man hat sich seit Jahrzehnten durchgewurstelt. Das war eigentlich allen innerhalb und außerhalb Italiens wohlbekannt. Man hat sich deshalb daran gewöhnt, dass dies eben ein Naturrecht italienischen dolce far niente als Lebensstil sei. Man lässt es sich gut gehen, lebt auf Pump und denkt nicht an die Zukunft. Jetzt rächt sich das. In einer sich immer mehr ausweitenden Vertrauenskrise über das sorglose Schuldenmachen der zurückliegenden Jahre ohne ernsthafte Bemühungen mittels Strukturreformen und Einnahmen- und Ausgabendisziplin des Staates sich aus der prekären wirtschaftlichen Lage zu befreien, ist es jetzt allem Anschein nach zu spät mittels einer Notoperation am Staatshaushalt das Blatt noch einmal zu wenden. Von daher ist Mitleid fehl am Platze. Hier gilt erneut der Spruch: Too little to late.

Die Wut über die Rating-Agenturen ist diesmal fehl am Platze

Die Aufgabe von Kreditrating-Agenturen ist es die Bonität – sprich das Risiko eines Zahlungsausfalls – in diesem Fall eines Landes einzuschätzen. Letztendlich muss man deshalb früher oder später reagieren, wenn nach bestem Wissen und Gewissen, das ist man ja der Öffentlichkeit und den Investoren auf den Finanzmärkten schuldig, zu dem Ergebnis kommt, dass es zu einem Zahlungsausfall in absehbarer Zeit kommen muss. Zwei wichtige Indikatoren sind nun mal bei der Bonitätsprüfung von Staaten, ob ihre Haushaltsdefizit sowie die Staatsschuldenhöhe insgesamt auf Dauer für die Bedienung der Staatsschuldpapiere ausreichen werden. Es wäre daher die Aufgabe der Staaten nicht nur der Eurozone für eine nachhaltige stabile Finanzverfassung zu sorgen. Diese fiskalische Disziplin ist jedoch immer mehr weltweit abhanden gekommen. Japan schießt derzeit mit über 200% Staatsschuldenquote weltweit den Vogel ab.

Eigentlich muss man auch in der Eurokrise den Rating-Agenturen vorwerfen, dass sie erneut viel zu spät Druck auf die Regierungen ausgeübt haben. Man hat nach Ausbruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise lange gewartet – im September werden es drei Jahre sein – ob es der globalen Staatengemeinschaft gelänge, die außer Kontrolle geratenen globalen Finanzmärkte wieder auf einen Pfad der Tugend zurückzuführen. Das ist offensichtlich nicht absehbar. Außer einigen kosmetischen Korrekturen hat sich hinsichtlich der strikteren Finanzmarktregulierung nichts getan. Man hat einfach weitergewurstelt wie bisher in der stillen Hoffnung, dass es irgendwie den Selbstheilungskräften der Märkte gelingen möge, die Krise zu überwinden.

Alle Lösungen die mit der immer länger werdenden Liste von Rettungsschirmen oder auch –paketen entwickelt worden sind, waren mehr oder weniger Versuche den drohenden unmittelbaren Finanzkollaps abzuwenden jedoch um den Preis, dass dieser umso heftiger zu einem späteren Zeitpunkt aufgrund erneut kumulierter Schuldenberge über den Bürgern weltweit zusammenbrechen würde. Die stille Hoffnung man könnte Jahre oder gar Jahrzehnte mit Umschulden vor dem Tag des jüngsten Gerichts gewinnen, erweist sich immer mehr als Illusion. Die Krise schleppt sich fort und die Phasen relativer Ruhe werden immer kürzer. Der Glaube schwindet, dass es den politisch Verantwortlichen gelingt das mehr oder weniger Unabwendbare noch einmal abzuwenden oder zumindest wenigsten aufzuschieben.

Der Kern der Krankheit des globalen Finanzsystems ist eine Vermögensillusion. Es wurden zum Zweck der vorübergehenden Systemsstabilisierung immer mehr Transaktionen über Kredite statt über vorhandenes Einkommen und Vermögen finanziert. Ob das die ausufernden Konsumentenkredite waren, ob der Staat sich regelmäßig immer weiter verschuldete oder waghalsige Finanzierungen von Investitionen in zweifelhafte Investitionsprojekte vorgenommen wurden, immer vertraute man darauf, dass die überall rasch wachsenden Schuldenberge noch weiter wachsen könnten. Es ist ja bisher immer gut gegangen.

Nun sind Schulden der einen umgekehrt auch Forderungen der anderen. Mithin könnte man ja glauben, dass sich am Ende alles fein säuberlich saldiert. Wo ist also das Problem vieler Rhetoriker der Schulden ohne Sühne Fraktion.

Was bleibt ist, dass es eben Nettoschuldner und Nettogläubiger gibt. Die Nettoschuldner insbesondere die großen drohen nun sukzessive pleite zu gehen. Das befreit die Nettogläubiger von der Illusion noch etwas von ihren Forderungen eintreiben zu können. Der Schuldenfalle steht eben auch die Gläubigerfalle gegenüber. Wenn die einen ihre Schulden nicht mehr bedienen können und damit nicht am Ende de facto sondern auch de jure pleite sind, hat dies für viele Nettogläubiger den gleichen Effekt. Ihre vermeintlichen Aktiva sind nichts mehr wert und damit sind auch sie überschuldet und pleite. Darum auch das verzweifelte Bemühen der Gläubigerstaaten den Schuldnerstaaten noch etwas abzupressen oder durch Umschuldung möglichst auf den St Nimmerleinstag die Möglichkeit zu eröffnen die eigene Pleite abzuwenden. Gläubiger und Schuldner sitzen eben im gleichen Boot. Wenn es sinkt ersaufen Gläubiger wie Schuldner.

Wenn die Rating-Agenturen jetzt durch ihre Senkungen von Bonitäten von zahlreichen Ländern auf den Junk-bond-Status diese Tatsache auch dokumentieren, dann leisten sie nur einen Beitrag zum Abbau der Vermögensillusion. Dies ist ein schmerzlicher Erkenntnisprozess und wird weil voraussichtlich ungeordnet zu weiteren heftigen Verteilungskämpfen führen. Das ist dann aber nicht die Schuld der Rating-Agenturen. Schließlich war es auch nur ein naives Kind, dass offen aussprach was alle hätten sehen können. Der Kaiser hat keine Kleider an, er ist nackt. Und bekanntlich kann man einem nackten man nicht mehr in die Tasche greifen.

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