Politik der manipulierten Erinnerung

Erinnerungen dienen der Orientierung. In der Politik soll das Geschichtsbild meist zur Legitimation der aktuell jeweiligen Regierung dienen. Darum wird Geschichte gerne umgeschrieben, so dass es zur Sicht der derzeit Mächtigen passt. Das war schon bei Ramses II in Ägypten, das war unter Hitler und Stalin so, und jetzt wird es eben auch beim Ausstieg der Kernenergie praktiziert. Man präsentiert sich als Erfinder der Energiewende und kritisiert den Ausstiegsbeschluss der damaligen rot-grünen Regierung.

Dabei wird geflissentlich verschwiegen, dass man damals von Seiten der CDU/CSU und FDP heftig pro-Atom und gegen den Ausstieg opponiert hatte. Der damalige Kompromiss wurde ja maßgeblich von Werner Müller, dem damaligen Wirtschaftsminister, den Grünen abgerungen. Sie mussten diese Kröte schlucken, weil es sonst zu keiner Einigung gekommen wäre.

Wie verankere ich meine Geschichtsinterpretation im öffentlichen Bewusstsein?

Mithin wird ohne große Skrupel mit haltlosen Behauptungen ein Bild der Vergangenheit skizziert, wie es einem gerade in den Sinn passt. Meist hat das breite Publikum ja keine – was damals noch nicht auf der Welt oder habe es damals nicht verfolgt – eigenen Erinnerung oder sie sind verschwommen und vage. Hier kann man leicht durch entsprechende Überzeugungsarbeit seine Sicht der Vergangenheit als historische Wahrheit kolportieren. Irgendwie bleibt so etwas dann in den Köpfen hängen. Hinzu kommt die sogenannte kognitive Dissonanzminderung. Diejenigen die damals vehement dagegen waren, können sich daran nicht mehr richtig erinnern. So waren nach dem Ende alle höchstens Mitläufer oder stille Widerstandskämpfer beim Nationalsozialismus. Das ist alles nicht sehr glaubwürdig, aber erfüllt seinen Zweck. Die die nicht dabei waren, tun sich schwer zwischen unterschiedlichen Geschichtsinterpretationen zu unterscheiden. Je geschickter die Inszenierung der Geschichtsfälschung ist, desto mehr spaltet sie die Öffentlichkeit. Kombiniert mit der Politik des Vergessens, ergibt sich häufig eine Reprogrammierung des öffentlichen Bewusstseins. Das funktioniert eben nicht nur in totalitären Systemen, sondern auch in einer pluralistischen Demokratie. Auch hier findet ein permanenter Kampf um die Interpretationshoheit geschichtlicher Ereignisse statt. Je konsistenter eine Vergangenheit erscheint desto mehr ist sie von allen Widersprüchen gesäubert worden. Sie wird stromlinienförmig für den jeweiligen politischen Zweck gemacht. Damit wird eine historische Entwicklung nicht als mögliches Zufallsergebnis durchaus miteinander konkurrierender Lösungsansätze als zum Zeitpunkt der Entscheidungen als ergebnisoffen und gestaltbar präsentiert, sondern kausal als notwendig und unvermeidlich. Wer daraus den historischen Entwicklungstrend herleitet, der suggeriert auch leicht daraus, dass er im Besitz der Vorausschau der zukünftigen Entwicklung ist. Geschichtsdeterminismus eben. In der Rückschau entlarvt sich diese Geschichtsphilosophie, wenn sich der Zeitgeist von dieser Geschichtsinterpretation gelöst hat. Plötzlich wird die Vergangenheit neu lesbar und interpretierbar. Mal sehen wie das mit der Energiewende in Deutschland weitergeht. Bisher war ja die Energiewende eher eine Echternacher Springprozession. Zwei Schritte vorwärts und einen zurück. Mal sehn wann die derzeit viel gepriesene Unumkehrbarkeit wieder in Frage gestellt wird. Derzeit schweigen die pro-Atom Befürworter, aber sie warten in der Deckung auf die nächste Chance. Dann muss man eben wieder die Vergangenheit entsprechend der neuen Zielsetzung uminterpretieren. So geht das eben bei der Politik der Erinnerung. Alles zu seiner Zeit.

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