Europa-Reise: Wen Jiabaos Wundertüte

Wen Jiabao hat mit einer riesigen Delegation, 13 Minister und hunderte von chinesischen Wirtschaftsführern drei Länder der EU bereist. In Berlin fand sogar eine gemeinsame Kabinettssitzung zwischen dem chinesischen und dem Bundeskabinett statt. Ein bisher einmaliger Vorgang. Ungarn, Großbritannien und Deutschland standen auf seiner Liste.

Der reiche Onkel aus China

Früher war ein Stereotyp, dass vom reichen Onkel aus Amerika gesprochen wurde. So tauchte auch zuletzt Warren Buffet mit Taschen voller Geld in Europa auf und wollte in Europa auf Shopping-Tour gehen. Jetzt sind es die reichen Onkel aus China, die hier nach Anlagemöglichkeiten für ihre Milliardenvermögen suchen. Europa befindet sich derzeit – Deutschland einmal ausgenommen – in einer Krise. Da muss doch – in Griechenland und Portugal ist dies bereits geschehen – ein Schnäppchen zu machen sein. Jetzt sind Ungarn, Großbritannien und Deutschland dran.

·        Ungarn

Ungarn steht für einen möglichen Hub in Osteuropa. China ist bestrebt auch in dieser Region stärker Fuß zu fassen. Auch Häfen am Schwarzen Meer stehen auf der Wunschliste der Chinesen. Wegen der Finanzprobleme Ungarns kann man hier auch günstige Konditionen aushandeln. Schließlich müssen auch die Ungarn nach jedem Strohhalm greifen, der ihnen hingehalten wird. Die Chinesen sind im Gegenzug bereit ungarische Staatsanleihen aufzukaufen.

·        Großbritannien

Großbritannien hinkt im Handel mit China gegenüber Deutschland noch weit zurück. Daher ist es besonders an einer Ausweitung des Handels mit China derzeit interessiert. Schließlich klafft in der Leistungsbilanz Großbritanniens ein riesiges Loch. Ob man bei einer Ausweitung des Handels mit China dieses abbauen kann, darf bezweifelt werden. So war auch die erste Station in Großbritannien nicht London, sondern Birmingham. Dort nahm Wen Jiabao an der Vorstellung des neuen MG von Rover teil. Rover und MG wurden zuvor von den Chinesen übernommen. Zuvor hatte sich BMW bei einer Übernahme heftig die Finger verbrannt und Milliarden Verluste hinnehmen müssen. Jetzt versuchen die Chinesen mit neuen Modellen im europäischen Markt Fuß zu fassen. Neben den britischen Herstellern wurden auch bereits Volvo von Geely übernommen. Saab könnte demnächst folgen. Die chinesischen Hersteller wollen vom know-how der europäischen Firmen, deren Patente sowie Markenimage profitieren. Wie viel der Produktion und Wertschöpfung dann am Ende in Europa verbleibt ist eine offene Frage. Bisher ist das größte Defizit chinesischer Automobilhersteller, dass sie in der Sicherheitstechnik den anderen internationalen Herstellern deutlich hinterherhinken. Insbesondere durch die Übernahme der Schweden gelingt ihnen jetzt ein relativ kostengünstiger Zugang zu diesen Technologien.

China möchte auch in Großbritannien seine Hochgeschwindigkeitszüge exportieren. Des Weiteren benötigt China dringend moderne Triebwerkstechnologie für Verkehrsflugzeuge, die Rolls Royce derzeit insbesondere für Airbus baut. Man möchte ja demnächst Boeing und Airbus mit einer Eigenentwicklung von Comac Konkurrenz machen. Mithin treten die Chinesen keineswegs als Wohltäter in Europa auf, die leichtfertig ihr Geld hier investieren. Man hat stattdessen ganz klare strategische Ziele.

·        Deutschland

Last but not least ist Deutschland bereits jetzt Chinas wichtigster Handelspartner in Europa. Von daher wundert es nicht, wenn hier der Aufenthalt besonders repräsentativ ausfiel. So wurden bei seinem Besuch jetzt Verträge in einer Höhe von über 10 Mrd. Euro unterzeichnet. Da der Luftverkehr wie auch die anderen Transportbereiche in China boomt, wurden auch Bestellungen für den Airbus 320, der zum Teil auch in Deutschland produziert wird, unterzeichnet. Laut Preisliste hat der Gesamtauftrag ein Volumen von etwa 7,5 Mrd. Dollar. Allerdings sind zweistellige Prozentrabatte in der Branche üblich. Allerdings sollte man nicht glauben, dass diese Aufträge von 88 Maschinen automatisch alle in Europa gefertigt werden. Bereits jetzt werden nahe Beijing von Airbus vier Maschinen des Typs 320 dort gebaut. Darüber hinaus ist man auch an Militärtechnologie aus Europa sehr interessiert. Bisher stehen dem Embargos entgegen, die China gerne gelockert sehen möchte. Würden diese gelockert winken weitere Aufträge aus China. Auch Verträge mit VW und Daimler die jetzt unterzeichnet wurden, dienen vorrangig dem Aufbau von Produktionskapazitäten dieser Hersteller in China. Nur indirekt könnten die Produktionsstätten in Deutschland als Zulieferer davon profitieren. Deshalb sagt die Summe des gesamten Auftragsvolumens wenig über den in Deutschland verbleibenden Wertschöpfungsanteil aus. Ebenfalls muss China dringend aufgrund der Engpässe in seiner Energieversorgung Kraftwerkskapazitäten ausbauen. Siemens ist hier ein wichtiger Partner, der jetzt erneut mit Aufträgen eingedeckt wurde. Aber auch hier geht es um Technologietransfer. Wie beim Drei-Schluchten-Damm, bei der auch Siemens die Turbinen mit bauen durfte, war es das Ziel der Chinesen das know-how dabei zu erlernen. Der Wasserkraft kommt in der zukünftigen chinesischen Energieversorgung eine Schlüsselrolle zu. Eebenfalls könnte man bei der Errichtung großer Windkraftanlagen  und Smart-Grids vom know-how von Siemens profitieren. Auch hier wird oftmals die Errichtung von Produktionsstätten in China gefordert, um den Technologietransfer zu forcieren. Das Paket wurde noch durch Abkommen zur Elektromobilität und zur Zusammenarbeit mit Mittelständlern aus Deutschland (hidden champions), die weltweit führend in bestimmten technologischen Nischenmärkten sind, abgerundet. Außer den Aufträgen für deutsche Großkonzerne wurden auch noch weitere Projekte vereinbart. Deutschland und China verständigten sich unter anderem auf die Gründung einer Plattform Elektromobilität, die Einrichtung von Anlaufstellen für Unternehmer in China und die Zusammenarbeit bei der Energieeffizienz. Auch mehrere Mittelständler vereinbarten eine engere Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern.

Summa sumarum sollte man sich keinerlei Illusionen darüber machen, dass China hier war um Geschenke zu verteilen. Die Chinesen sind harte Geschäftsleute, die ihren langfristigen strategischen Vorteil im Auge haben. Sowohl die Auftragssummen wie auch die in Aussicht gestellte Verdopplung des bilateralen Handels mit China auf 200 Mrd. Euro bis zum Jahr 2015 bedeuten ja nicht, dass die deutsche Wirtschaft davon nachhaltig profitieren muss. Bereits jetzt hat Deutschland mit China ein Handelsbilanzdefizit. Das könnte im Zuge der Verdopplung des Handelsvolumens noch deutlich sich ausweiten. Von daher wundert es nicht, wenn eine n-tv Umfrage hinsichtlich der Befürchtungen über eine zu große Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China eine überwältigende Zustimmung unter den Anrufern fand. 83% waren besorgt und nur 17% sahen darin kein Problem.

Hohe Wachsamkeit ist daher in den Wirtschaftsbeziehungen mit China angesagt sonst ziehen sie uns über den Tisch.

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